Nachtgäste

Morgan

Bücherjägerin
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29. März 2005
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Hab lang gegrübelt, ob ich meine Geschichten hier rein stelle, aber ich fang jetzt mal an:

Nachtgäste

Ich habe sie genau gesehen. Jetzt schon das zweite Mal.
Sie steigen so gegen 2 Uhr Nachts aus ihrem Bus und kommen langsam nacheinander heraus. Sehr vorsichtig sind sie dabei, als wollten sie nirgendwo anecken. Diese Nachtgäste sind ganz schwarz, wie Schatten. Nur die Idee eines Menschen, die Kleidung kann man nicht erkennen, sie sind nur da. Alle haben Hüte auf, nicht so einen Schlapphut iwe mein Vater, sondern adrette schwarze Melonen.
Wenn alle ausgestiegen sind fangen sie an, sich in Ruhe umzusehen. Sehr mechanisch sieht das aus, sehr genau. Sie bewegen die Köpfe dabei wie schwarze Insekten hin und her. Wenn die Gäste gehen, dann tun sie es sehr exakt, Schritt für Schritt, sehr überlegt und setzen niemals einen Fuß auf die Fugen zwischen den Steinen im Asphalt. Völlig geräuschlos geschieht das, sie produzieren nie irgendeinen Laut.
Nach einer Weile nehmen sie zum Beobachten große klobige Feldstecher zu Hilfe. Sie erscheinen irrsinnig riesig für einen normalen Menschen und sind wohl aus Granit oder Ähnlichem. Nicht daß es hier viel zu sehen gäbe in der Stadt, außer der Nachbarschaft, aber vielleicht ist es ja genau das, was sie observieren. Jedenfalls beobachten sie ca. eine Stunde später von den Dächern aus. Dazu erklimmen sie die Abwasserrohre. Ganz gemächlich tun sie das, in einer langen Reihe. Ihre Bewegungen sind dabei völlig synchron und die Hüte fallen nicht herunter.
Sie kommen immer mit einem modernen Reisebus. Er ist groß und hat diese Spiegel, die vorne vom Dach herunterhängen, so daß der Bus aussieht wie eine große Ameise. Ich habe nie erkennen können ob etwas draufsteht, ein Reiseveranstalter oder soetwas. Ein Busfahrer ist mir auch nie aufgefallen, aber es könnte auch sein, daß die Scheiben verspiegelt sind. Ich weiß nicht warum sie Bus fahren. Vielleicht sind sie darauf angewiesen, vielleicht ist es ihnen nur möglich Bus zu fahren. Weil sie nicht gesehen werden wollen (Was ich aber weniger glaube, da ich den seriösen Hinweis bekommen habe, daß sie sich tagsüber als Touristen tarnen). Eventuell müssen sie aber auch eine Grenze überqueren, die nur per Bus überquerbar ist. Oder sie mögen Bus fahren eben sehr und wohnen weit weg.
Dieses Gefährt bringt sie auch wieder fort. Kurz vorm Morgengrauen steigen sie wieder synchron von den Dächern und besteigen hintereinander den Bus, Dabei sehen sie sich unablässig um. Dann verschwinden sie. Wohin sie wohl fahren?
Ich weiß es noch nicht, aber heute Nacht habe ich auch ein Fernglas.
 
AW: Nachtgäste

hm, wurde das in tatschikistan beobachtet ;) ...
also da ist wohl eine besondere truppe bei den technokraten verloren gegangen *g*
könnte der vorspann zu einem minority, oder darkcity ähnlichem film sein.
 
AW: Nachtgäste

Nette Kurzgeschichte, meine erste Assoziation war, dass die SC bei einem RPG solch einen Text auf einem Tonband oder Tagebuch finden.

Die Beschreibung der "Gäste" ist ganz gut gelungen. Für meinen Geschmack aber ein wenig zu explizit, denn neben Beobachtungen liefert der Sprecher oft auch Erklärungen oder wechselt sogar gänzlich in die Rolle eines objektiven Beobachters. Durch diese Gewissheit verlieren die "Gäste" ein wenig ihrer Mysteriösität. Beispiel: "sie produzieren nie irgendeinen Laut", stattdessen könnte man schreiben: "ich habe noch nie einen Laut von ihnen gehört"
Das ist keine Änderung, aber ich kann mir vorstellen, das könnte die gewollte Stimmung des Textes intensivieren.

Die "Gäste" sind unmenschlich ordentlich. Dies machst du sehr deutlich, bis keinerlei Unklarheit mehr darüber besteht. Du könntest die Geschichte um 2-3 Sätze kürzen und sie würde nichts verlieren. Im Gegenteil.

Sehr schön fand ich die Stelle "Alle haben Hüte auf, nicht so einen Schlapphut iwe mein Vater,", der Text kann noch viel mehr solch kleiner Elemente vertragen, die den Sprecher Profil verleihen.

Das war es ersteinmal, ich muss dringend los, später kann ich - wenn Interesse besteht - ja noch was dazu schreiben.
 
AW: Nachtgäste

Ja, sehr nett, danke!
Daß sie z.B keine Laute produzieren und daß das alles sehr explizit ist, war Sinn der Sache. Das macht sie grad so seltsam, finde ich. Aber das ist natürlich sehr subjektiv.

Diese Schlapphutgeschichte, davon mehr einbauen, hm, ja, das finde ich auch. Ich mag sowas. Allerdings hat der Sprecher kaum Profil und das soll auch so sein. Er ist in der Tat, völlig unerheblich, ihm gebührt im Grunde nur die Stelle der Stimme.

Und nach dem jetzigen Durchlesen, finde ich tatsächlich, daß ich es, so explizit wie es geschrieben steht, viel unheimlicher finde, als wenn es anders da stehen würde.
Das läßt einen vielleicht den Erzähler beäugen, was ist das für ein komischer Typ? Woher er sowas weiß?

Naja, aber wie gesagt, das ist sehr subjektiv und vielleicht würde es mit deinen Vorschlägen besser ankommen. Worauf es ja im Grunde garnicht ankommt!

Ich danke dir für deine konstruktive Kritik und werde das im Auge behalten!
 
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