Gut, also nicht wahnsinnig sondern nur hoffnungslos unfähig und zu blöde als Herrscher indem er sich in einen Rachefeldzug begibt statt seine Arbeit als Kaiser zu machen, na danke.
Ich finde diese sogenannten Zweifel sehr fragwürdig, weil aus der Zeit des Caligula nicht eine erwähnenswerte Reform bekannt ist, er also als Kaiser rein garnichts bewegt hat außer sich nach diesen Gerüchten in fruchtlosen Pöbeleien und Beleidigungen gegenüber dem Senat ergangen hat, während sich aber fast jeder Historiker Roms danach das Maul über Caligula zerreisst und die alle diesen Gerüchten über Caligula aufgesessen sind und auch nach Jahrhunderten noch eine Vendetta gegen die Julier und ihren "guten Imperator" Caligula führten, lachhaft.
Seien wir doch mal ehrlich, die Julier zeichneten sich durch eine überzüchtete und inzestuöse Ahnenreihe aus, von den Kaisern aus ihrer Linie waren Tiberius, Claudius und Nero alle höchstwahrscheinlich geistig labil oder wahnsinnig, warum soll ausgerechnet Caligula, von dem rein garnichts Positives überliefert wurde, weder von Zeitgenossen noch von späteren Historikern, eine missverstandene Ausnahme gewesen sein?
Ziemlich harsche Kritik, meiner Meinung nach völlig ungerechtfertigt.
Weil er das heuchlerische Spiel von Augustus und Tiberius nicht mitspielen wollte, war er unfähig? Und was genau war denn seine "Arbeit als Kaiser"?
Du bist unter dem Mörder deiner Eltern aufgewachsen und erhältst, als dieser stirbt, die einmalige Gelegenheit: die Praetorianer und Soldaten lieben dich, du bist in ihrer Mitte aufgewachsen, der Senat, in dem deine Feinde sitzen, ist dank Augustus und Tiberius regelrecht machtlos. Binnen zweier Stunden nach Tiberius Tod hat Caligula eine Kopie der Anklageschriften anfertigen lassen, die den Verschwörern an seiner Familie galten, die Originale öffentlich verbrannt um sie in Sicherheit zu wiegen und in den folgenden Jahren im Geheimen einen nach dem anderen systematisch ausgeschaltet und abgeschlachtet, für die Verbrechen, die sein Leben zerstört haben. Was daran unfähig sein soll, weiß ich nicht so recht. Ja, er hat den Rachefeldzug zu weit getrieben - aber ganz offensichtlich, weil er sowohl sein Amt, als auch das ganze System rund herum verachtete. Dieser Mensch hatte nie eine andere Zukunft, als im Blut seiner Feinde zu baden und mit einem Dolch im Rücken selbst zu sterben - das war aber weniger sein Verdienst, als der seiner Umwelt.
Du findest die Zweifel an einem althergebrachten und wenig hinterfragten Bild fragwürdiger als die Schmähschriften von Verbannten und Verprellten? Von korrupten Politikern? Was ist mit Caesar? Der wird heute noch als Volksheld gejubelt, findest du Zweifel daran auch nicht gerechtfertigt, weil Jahrtausende lange Rezeption nicht irren kann?
Das es keine anderen Zeitquellen gibt, ist auch Unsinn. Auch Winterling und die Verfechter ähnlicher Theorien stützen sich nicht auf Nasenpopel und Vermutungen. Caligula war unter den Plebs weitaus beliebter, als Augustus, Tiberius, Claudius (insbesondere der), Nero und die meisten anderen Kaiser. Warum? Weil er genau das getan hat, was
nicht von Seiten des Senats von ihm erwartet wurde, er hat sich nicht zum Vorzeigehündchen abrichten lassen und er hat auch nicht nur im Geheimen die Fäden gezogen. Er hat so offen geherrscht, wie es ihm ohnehin zustand (und vor ihm Tiberius und Augustus) und wie es nur alle zu feige (oder zu klug) waren, wirklich auszusprechen.
Die Soldaten und Legionen liebten ihn, weil er unter ihnen aufgewachsen und den relativ neutralen Quellen (meist aus der Frühzeit seiner Regentschaft) zu urteilen auch ein extrem guter Soldat und Feldherr war. Dass die Legionen vor Britannien streikten, muss nichts Gegenteiliges bedeuten - es heißt wohl nur, dass Caligula daran gescheitert ist, woran auch Caesar scheiterte und nicht willens war, Unsummen dafür auszugeben, wie später Claudius, Kriegselefanten und anderen Schwachsinn nach Britannien zu bringen, um auch ja den Krieg zu gewinnen. Sie liebten ihn außerdem, weil er gerne - er machte seinen "Job" als Kaiser halt nicht gerne... - in ihren Farben (rot) bei den Wagenrennen mitfuhr. Das - und dazu die militärischen Erfolge (bis auf Britannien) müssen ihn im Volk wie ein Idealbild eines Römers haben erscheinen lassen und im Grunde hat er auch viele alte römische Tugenden vertreten. Er hat die Volksversammlung wieder eingesetzt, die Macht der Volkstribunen und Soldaten gestärkt und insgesamt viele, altrömische und republikanische, wenn auch populare Gesetze wieder in Kraft gebracht, was nur deswegen keine Auswirkung hatte, weil Claudius aus Angst vor den optimatischen Senatoren, die unter ihm wieder erstarkten, das alles sofort wieder rückgängig gemacht hat.
Ich weiß nicht wie du drauf kommst, dass Tiberius geistig labil war. Im Gegenteil wirkt er eigentlich in allen Quellen - negativ wie positiv - immer recht kühl und berechnend, bis vorsichtig. Dass er sich von Seianus hat übertölpen lassen hat er ja im Grunde wieder wett gemacht.
Claudius, wenn auch gerne "geistig labil" und "behämmert" dargestellt, hat eine Finanzpolitik durchgezogen, die Rom weit reicher zurückgelassen hat, als Augustus es sich hätte erträumen lässen. Er war im Volk ungeliebt, weil er nichts davon hielt, Unsummen in Form von Spielen und anderen Eitelkeiten rauszuwerfen (Caligula machte das vorher gerne, vermutlich weil er Sympathien bei den Plebs genoss und diese ausbauen wollte.. und damit den Senatoren nur noch mehr eins auswischen konnte). Wahrscheinlich war Claudius eine graue Maus - er fügte sich in seine Rolle und füllte sie aus. Wenn Jemand seinen "Job" als Kaiser richtig ausgeführt hat, dann wohl er. Falls der Job darin besteht, sich der Militärgewalt der Praetorianer zu beugen, das heuchlerische Spiel mit dem Senat mitzuspielen und schön die Schnauze zu halten, dafür aber das Reich prosperieren zu lassen.
Und auch Nero ist, wie du feststellen wirst, wenn du dich mit der aktuellen Forschung beschäftigen willst, längst weitgehend von dem ihm zugesprochenen Bild rehabilitiert worden. Allerdings hatte er jung in große Fußstapfen zu treten, die sein Mentor Seneca in Sachen Staatsgeschäfte hinterlassen hat, unter einer extrem dominanten und machthungrigen Mutter zu leiden, die ihn von den meisten sozialen Dingen abschirmte - da zeig du mir mal den Mann, der dabei am Ende noch gut wegkommt. Einen Knacks weg hatte der sicher irgendwann, allerdings können zum Beispiel die Schmähschriften über seine angebliche Unfähigkeit als Musiker und Künstler nicht stimmen (und alles, was da wieder an "Wahnsinn" hinzugedichtet wurde..). Nicht-römische und zeitgenössische Quellen berichten nämlich von ziemlich begeisterten Griechen, die Nero zu sich einluden, weil sie sein Talent bewunderten. Und ich rede nicht von einer Handvoll - in den Provinzen war der Kerl beliebt. Nur unter den Christen nicht, verständlicherweise. Und oh.. die haben ja durch das Mittelalter hinweg die Geschichtsschreibung übernommen, ob das irgendeine Auswirkung auf seinen Nachruf hatte?
Wie du siehst, war Caligula keine missverstandene Ausnahme - aber er ist vielleicht die Tragischste von allen. Bevor du die Meinungen von Althistorikern als "lachhaft" bezeichnest, solltest du dich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Geschichte von Siegern (erst der Senat und andere Politiker, später Kaiser die gut dastehen wollten und Sündenböcke als "Gegenbeispiele alter, verdorbener Zeiten" brauchten und schließlich Christen) geschrieben wird - und auch immer aus einem Blickwinkel heraus. Die meisten Aspekte des diesen Männern zugesprochenen "Caesarenwahnsinns" und anderer, negativer Eigenschaften wurden in Jahrhunderten danach geprägt - teilweise aus Propaganda, um angeblich unfehlbare Kaiser wie Vespasian als leuchtendes Gegenbeispiel darzutellen, teilweise um die Verfehlungen und Gräuel des heidnischen Rom im Gegensatz zum spätrömischen Christentum aufzuzeigen. Dabei griff man natürlich vorwiegend auf Zeugenisse zurück, die hanebüchene Geschichten über die dämonischen und wahnsinnigen Ausschweifungen der schillernsten Figuren ihrer Zeit zu erzählen hatten. Diese Geschichten verkaufen sich für gewöhnlich auch besser und sind publikumswirksamer, vor allem wenn man einen Standpunkt zu verteidigen hat. Zum Beispiel, dass die gesamte julisch-claudische Dynastie ein Volk von inzestiösen, heidnischen Demagogen und Wahnsinnigen war.