[Sommer 2022] on the road so far...

Demagyar

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Leise klang die Melodie von Kate Bushs Klassiker "Running up that hill" aus dem nachgerüsteten Autoradio des gepflegten Ford Escorts am Rande des Flugfeldes. Die zwei Menschen, welche sich auf der Rücksitzbank miteinander beschäftigten, wurden durch die Melodie beflügelt und nahmen kaum war, dass die ansonsten pechschwarze Nacht plötzlich von einem Lichtblitz erhellt wurde.
Die Streckenpositionslichter der Landebahn hatten ihren Betrieb aufgenommen und wiesen einem nahenden Flugzeug den Weg zurück auf den festen Untergrund.
In sanftem Staccato flammten die Lauflichter immer wiederkehrend auf und erhellten somit die Umgebung nur leicht.

Die nahende Honda HA-420 näherte sich beinahe geräuschlos dem Flugfeld Finstertals und setzte lediglich von einem leisen Quietschen der Gummireifen begleitet, auf dem Rollfeld auf. Sofort verringerte der Pilot den Schub, was dafür sorgte, dass die Triebwerke an Klang verloren.

Zügig rollte der nachtschwarze Privatjet über das abgelegene Feld und steuerte einen wenig frequentierten Hangar an. Dort kam das Flugzeug zum Stillstand. Leise rauschend drehten die Turbinen im Leerlauf und erstarben dann vollends.
Die Tür auf der linken Seite öffnete sich und eine kleine Treppe wurde ausgefahren.

Währenddessen rollte eine schwarze, sechs Meter lange, Edelkarosse vor. Lediglich das Abrollgeräusch der breiten Reifen war auf dem beschichteten Betonboden zu hören, als der vollends elektrisch betriebene Mercedes-Maybach 6 vor der Treppe hielt. Dass es sich bei dem Fahrzeug lediglich um ein Konzeptwagen von Maybach handelte, war dem Besitzer durchaus bewusst. Aber Einfluss und Geld regelten hier das Nötige und machten möglich, was andere sich nur erträumen konnten.

Im erhellten Dunklen des Privatjets tauchte plötzlich ein Schemen auf und warf einen langen Schatten auf den Hangarboden zu Fuße der Gangway.

Lange Zeit hatte die Stadt den Kainiten nicht mehr gesehen, der soeben auf heimischem Boden gelandet ist. Beinahe 14 Jahre war es nun her, dass Alexander das beschauliche Städtchen in Deutschland verlassen hatte, um auf Nachforschung nach der asiatischen Infiltrationsgesellschaft zu gehen. Seine Reise hatte ihn zunächst nach London, dann weiter nach Moskau und Taiwan und schlussendlich nach Honkong geführt. Hier hatte er schnell erfahren müssen, dass es alles andere als klug war dem Feind in seinem eigenen Land auf den Zahn zu fühlen.
Nach anfänglichen kleineren Scharmützeln kam es auf beiden Seiten zu horrenden Verlusten menschlicher sowie kainitischer Natur. Der Ventrue musste sich eingestehen, dass seine Ressourcen in Asien begrenzt war und sein Einfluss hier weniger weit reichte als erwartet. So schickte er sich, nach einer Explosion eines Bürogebäudes, welches ihm schwere Verluste bereitete, eigenhändig in Starre und verweilte dort vorerst. Er musste zu Kräften kommen und etwas Gras über die Sache wachsen lassen.

Dann war Ende letzten Jahres ein Erdbeben über die Südküste Chinas gerollt und hatte für schwere Schäden in der Metropole gesorgt. Unter anderem war sein gut gesichertes Versteck im Untergrund schwer beschädigt worden. Dadurch war es von Außen wieder für einige mutige Entdecker erreichbar gewesen.
Von dem sechsköpfigen Erkundungstrupp hatte man danach nie wieder etwas gehört.

Der Ventrue verließ das Flugzeug sicheren Schrittes und ging auf den Maybach zu. Die Flügeltüren öffneten sich und ein breit gebauter Anzugträger stieg aus. "Herr Stahl, willkommen zurück" begrüßte Mike den Ventrue und machte auf dem Fahrersitz Platz.

Alexander nickte seinem Bodyguard nur zu und schlug ihm auf die Schulter. Er hatte alles weitere bereits telefonisch mit seinen Untertanen besprochen.

Der Maybach beschleunigte gespenstisch schnell und sauste aus dem Hangar über das Flugfeld, um den Flugplatz durch ein sich öffnendes Stahltor zu verlassen. Vom Wachmann war nichts zu sehen. Dieser lag in seinem Stuhl und würde sich morgen früh über die starken Kopfschmerzen wundern, die ihn plagen würden.

Er hatte in der Zwischenzeit rein gar nichts mehr aus Finstertal gehört. Ob hier die Triaden die Herrschaft übernommen hatten? Ob die Assamiten den Prinzen gestürzt und die Akademie in einen Gourmettempel verwandelt hatten? Es wird sich zeigen...

So verließ Alexander Stahl, Ahn des Clans Ventrue, Erstgeborener Finstertals, das Flughafengelände und sauste in die finstere Nacht.

Währenddessen tönte aus dem Lautsprecher des Escorts "Never ending storry" über das wieder in vollkommener Dunkelheit liegende Rollfeld....
 
Für gewöhnlich brauchte es immer seine Zeit wenn aus dem geschäftigen Treiben einer Flugzeuglandung, bei dem plötzlich am Boden hektisches Gewimmel ausbrach und alles an das Summen und Schwärmen eines Bienenstocks erinnerte, wieder die sanfte Ruhe der Nacht wurde.

Dieser Besucher Finstertals hatte aber Mittel und Wege um die Nachwehen einer nächtlichen Ankunft auf dem Flugfeld auf ein absolutes Minimum zu reduzieren und er hatte sie gut genutzt. Wenige Minuten nachdem der Flieger, das Personal alle sonstigen Geräte, Menschen und Maßnahmen schon wieder verschwunden waren wie Nebel den ein Sonnenstrahl durchstochen und aufgelöst hatte, erstarben die Lichter der Landebahn und der Ort fiel zurück in die Nacht.

Kurz darauf kräuselte sich die Schwärze und mit einem Ruckeln und Zerren spie sie einen Schemen aus der sich mit schleppenden Bewegungen auf das Feld begab. Die Gestalt war stark verhüllt, aber man konnte erkennen das es eine Kapuze trug unter der sich wohl ein Kopf verbergen musste. Dieser fuhr ein paar Mal unruhig hin und her, so als würde das Etwas eine Witterung aufnehmen. Schließlich klappte es sich zusammen und schien sich zu hocken oder auf die Knie zu gehen. Wenn es einen Kopf hatte, hatte es schließlich sicher auch Knie, oder?

Dann begann es eine Art Fühler auszufahren, der sich schließlich an seinem Ende zu einer Hand auseinander faltete. Die sichtbare Haut, die aus braun gelblichen Bandagen herauslugt, war von einem blassem grau. Ein sehr langer Finger mit einem schwarzen, hartem Fingernagel der den stumpfen Glanz von schmutzigem, dunklem Glas hatte, kratze über den Asphalt.

Alexander Stahl also. Wenn es etwas bemerkenswertes an dem Köngiskind gab, dann das er für einen Ventrue erstaunlich unambitioniert war. So ziemlich jeder Blaublüter der in dieser Stadt aufgeschlagen war hatte sich in irgendein Amt gewanzt, gebissen, gebuckelt oder gedrängt, so war es nun mal die Art des Clans der Könige. Wer sich schon so nannte, konnte wohl auch kaum unter der Macht die dieser Titel vermittelte performen. Dieser hier aber hatte niemals einen Titel oder ein Amt ergriffen. Demzufolge war er für den Nosferatu auch immer ein wenig der Hutständer des Clans gewesen.

Allerdings war Lurker bereit einen Irrtum einzuräumen, wenn er denn einen begangen hatte. Vielleicht war das Kerlchen schlauer als all die anderen seines Blutes gewesen, denn dieser hier existierte immerhin noch und das in einer Stadt die sich als eine wahre Knochenmühle, gerade für Clan Ventrue, herausgestellt hatte. Finstertal hatte mehr Königspudel gefressen als eine Anarchenrevolte am ersten Mai in einer linken Hochburg. Diesen hier hatte die Dame an der Finster aber verschont. Möglich das er unter seinesgleichen keine große Nummer war, aber wer es bis hier her geschafft hatte, nach all dem was passiert war, der war kein Idiot. Oder wenn, dann ein verdammt vom Glück beseelter.

Tatsache war das Alexander seinen Teil beigetragen hatte als es gegen die Werwölfe gegangen war. Vermutlich gab es Könige die in feinen Laken durch viel Inzest und Intrigen entstanden und solche die auf den Schlachtfeldern gemacht wurden.

Es war sicher nichts schlechtes wenn Stahl wieder hier war. Zumindest nicht für den Verborgenen. Hoffentlich war er aber nicht hier weil es für die Stadt mal wieder dunkle Vorzeichen am Horizont gab.

Lurker erhob sich wieder und sah sich um. Seine Neugierde und die Investitionen der Vergangenheit machten sich bezahlt. Transportwege und Logistik waren in den letzten Jahren immer wichtiger geworden und die Tatsache das mittlerweile sogar ein verdammtes Päckchen voller Büroklammern perfekt nachvollziehbar von A nach B bewegt wurde, so als wären die verdammten Kronjuwelen auf Reise, machte es immer einfacher. In einem gewöhnlichen Linienflieger wäre ein anonymer Vampir sicher deutlich einfacher untergetaucht, aber die Hebel die man bewegen musste um mit einer kleinen privat Maschine hier mitten in der Nacht zu landen waren nun mal auffälliger und erzeugten ein Zittern im Netz das die fette Spinne anlockte. Der Nosferatu lächelte sanft in sich hinein. Nein, Alexander Stahl war nach seiner Einschätzung zunächst einmal kein Problem. Blieb zu hoffen das er nicht der Vorbote von irgendetwas war. Sein Bedarf nach Apocalypse war eindeutig noch ausreichend gedeckt und die letzten friedlichen Jahre waren eine willkommene Abwechslung gewesen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Wenn man Vorboten der Apokalypse will (oder Gehenna, oder zumindest eines halben Weltuntergangs, einer schweren Katastrophe oder eines grandiosen tiefen Falls), dann lohnt sich ein Blick in eine andere Richtung, meistens eher abseits der Strassen. Denn allen Gerüchten, Unkenrufen oder vagen Hoffnungen zum Trotz ist Meyye auch noch da. Viktor Thorson ist fort, Enio Pareto ist fort, Alexander Stahl ist (oder war) fort, Lurker soll bleiben wo der Sabbat wächst; Meyye ist wie Unkraut.

Es ist ruhiger um sie geworden, vielleicht weil sie ihre verlorengeglaubte Angewohneheit, die grosse Gesellschaft zu meiden, wieder aufgenommen hat (und Lady Noir wahrscheinlich wenig Bedarf an ihrer kratzbürstigen Art hat). Das neue Gangrel-Gebiet ist abseits der wichtigen Orte, und vielleicht stromert diese Gangrel endlich mal ihrem Clanklischee folgend mehr durch die Natur als durch die Strassen von Tal oder Burgh; auch wenn sie das sicher nicht komplett aufgegeben hat.

Es gibt ja immerhin noch Orte die ihr wichtig sind oder die sie zumindest unter mißtrauischer Beobachtung hält. Der Stadtpark, der Tiergarten, das Hovel, diverse sakrale Bauten die einst Zacharii errichten hat lassen und die sie vielleicht besser kennt als viele andere, viel besser als ihr selbst lieb sein kann. World Science oder die Burgruine oder der südliche Wolfsforst sind Gegenden, die sie nur noch aus der Ferne betrachtet. Hin und wieder geht sie in die alte Bibliothek in Burgh und verbringt dort Stunden, vermutlich mit Libby dem Geistermädchen.

Das aber nur wenn sie überhaupt in der Stadt ist. Denn immer wieder mal verschwindet sie für Wochen oder Monate und geht irgendwelchen Spuren nach; wer es genauer wissen will kann sich wohl denken, dass sie noch immer so unvernünftig ist, nach ihrem menschlichen Geliebten zu suchen, der verschwunden ist und pikanterweise zur Verwandtschaft der Wolflinge gehört, mit ein Grund warum die Beziehungen zu diesen Bestien an einem Tiefpunkt angelangt sind. Die Hinweise dass er über die Welt der Geister zu finden wäre, hat sie wohl verworfen.

Ein zweites Ziel treibt sie immer wieder mal aus Finstertal heraus. Alteingesessene Finstertaler werden sich erinnern, als die Stadt von veränderten Tiere überschwemmt worden war, eine der vielen Katastrophen der Stadt (und eine der wenigen, die nicht Prinz Buchet anzulasten sind). Der menschliche Magier der dafür verantwortlich war nannte sich Jürgen, und er entkam. Mit ihm hat Meyye noch das ein oder andere Federvieh zu rupfen, und so nimmt sie jeden Strohhalm den sie bekommen kann um ihn aufzuspüren. Bisher ohne viel Erfolg, aber wer weiß.

Es ist jedenfalls schwieriger als früher, sie zu finden oder auch nur in Kontakt zu kommen. Gäbe es einen Chronisten ihrer verschlungenen Wege und unverständlichen Taten den man im Juni fragt ob man sie sprechen könnte, bräuchte er vielleicht bis November um eine Antwort abzuliefern. Und dann kann es wieder Schlag auf Schlag geben. Bei ihr muss man mit allem rechnen. Vor allem dass sie im unpassendsten Moment wieder auftaucht.
 
Es war eine Nacht mit mehreren Reisenden. In einer schwarzen Limosine war es eine interkulturelle Gruppe, die auf dem Weg nach Finstertal war. Drei Männer denen man das tatsächliche Alter größtenteils nicht ansah. Ein Fahrer, ein sehr kräftiger Mann auf dem Beifahrersitz und ein nachdenklich wirkender auf dem Rücksitz. Keiner sprach ein Wort bis eine Stimme die Stille durchbrach. Es war der Fahrer. Man hörte ihm gleich mehrere Dialekte an, sowohl das indische Elternhaus wie auch die britische Erziehung. Aber dabei blieb er sanft und klar.

"Wir haben noch eine Stunde Fahrzeit bis Finstertal."

Der Mann auf dem Rücksitz blickte stumm nach vorne und schloss für einen Moment die Augen. Finstertal. Auf diese Weise. Er sah sich schon immer als Experiment. Anfangs verstand er seinen Nutzen, aber nachdem er Jahrzehntelang Clan und Haus verstehen lernen musste war von seinen frühen Kenntnissen nur noch ein Teil übrig geblieben. Er konnte es sich nur so vorstellen das sich niemand die Schande des Fehlers anlasten wollte. So wurde er in den Kampf geschickt und kam wieder. Jedes Mal. Bis die Zeit kam zu der er nach Finstertal geschickt werden sollte. Anfangs nur als Unterstützung. Heute aber war seine Arbeit größer. Sogar groß genug um die Wahrscheinlichlichkeit des Scheiterns als sehr groß zu betrachten. Und damit wäre auch er als mögliches Problem gelöst. Natürlich konnte er sich auch als würdig erwiesen haben, aber aus irgendeinem Grund zweifelte er daran. Nur weniges war sicher, der Weg nach Finstertal war unausweichbar. Und niemand durfte ihm seine Zweifel ansehen.

"Meine Herren, im Falle des Scheiterns hoffe ich auf die Gnade der ewigen Ruhe für uns."

Es war ein tiefer Wunsch für Micheal Sean Balor. Er hatte seine Mitarbeiter aus Personen ausgewählt die wie er unter einem großem Leistungsdruck gebrochen waren und einen neuen Weg gehen mussten. Bisher hatten alle damit einen erfolgreichen Wechsel gefunden. Bis heute. Bis Finstertal.
 
Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön, kann man sich doch den ganzen Tag in einer Innenkabine aufhalten Ein kleiner weißer Sprinter von Six hatte weiteres Material dabei für die Farm in Finstertal. Gerüchte zu Folge hatten sich alle Vampire zurückgezogen und die Werwölfe hatten Verluste gehabt. In der historischen Stadt. Während der Fahrt über die Autobahn lief Black Ingvars in Dauerschleife. Mit schwedischer Genauigkeit wurde brav kein kmh über 110 auf der Autobahn gefahren, und 80kmh auf der Landstraße. Um 3 Uhr Nachts kam wir auf der Farm dann an.
 
Alexander hatte nicht erwartet, dass Finstertal ihn mit offenen Armen empfing. Aber er hatte auch nicht damit gerechnet, dass die Stadt ihn so deutlich spüren ließ, dass er nie wirklich weg gewesen war.

Mike fuhr langsam, als der Maybach die letzten Kilometer in Richtung Stadt nahm. Die Landschaft floss wie ein dunkles Band vorbei, nur manchmal geschnitten von fahlen Inseln aus Natriumlicht. Alexander ließ den Blick über die schwarze Scheibe gleiten, als könne er durch Glas und Nacht hindurch jene Fäden sehen, die sich langsam wieder um ihn legten.

„Er weiß es schon“, sagte er leise.

„Sir?“ Mike warf ihm einen Seitenblick im Rückspiegel zu.

„Lurker.“ Das Wort war mehr Feststellung als Name. „Ich lasse ein Flugfeld nicht in Betrieb nehmen, ohne dass irgendjemand unter der Erde eine Notiz macht. Und in dieser Stadt bedeutet ‚unter der Erde‘ oft, dass er mithört.“

Er erinnerte sich an die Art, wie der Nosferatu früher über die Domäne gesprochen hatte: als Netz, als Gewebe, als etwas, das man zum Zittern bringen konnte, wenn man die richtigen Stellen berührte. Eine Privatmaschine mitten in der Nacht war kein Stein im Wasser, es war ein verdammter Brocken. Natürlich hatte der Verborgene reagiert.

„Er rechnet mich durch“, murmelte Alexander. „Zieht Bilanz. Hutständer oder Königspudel, einer, der bleibt oder einer, den Finstertal frisst.“
Das Lächeln, das seine Lippen streifte, war schmal. „Gut. Jeder soll rechnen, wie er will. Am Ende zählen Ergebnisse.“

Draußen, weit hinter ihnen, fiel die Schwärze wieder über das Rollfeld. Und irgendwo dort, in dieser Schwärze, wusste Alexander, dass sich etwas gekrümmt, geschnuppert, geprüft hatte – und zu dem Schluss gekommen war, dass seine Rückkehr zunächst kein Problem war. Kein Feindbild. Noch nicht.
Er nahm es als Kompliment. Von einem Ahn der Nosferatu waren ausbleibende Klauen mindestens so viel wert wie ausgesprochener Beifall.

„Wenn er die Finger am Puls der Infrastruktur hat, wird er die Erschütterung merken, wenn ich beginne zu ziehen“, sagte Alexander. „Das ist gut. Dann ist jemand wach, wenn der Rest noch schläft.“

Der Maybach verließ die größeren Straßen. Je näher sie dem Herz der Domäne kamen, desto deutlicher spürte Alexander, wie sich eine andere Art Präsenz über die Stadt legte: kein Netz, kein Geflecht – eher eine Spur. Zerrissen, verwaschen, aber noch da. Wie ein alter Kratzbaum, an dem man das Fell einer Gangrel erkannte, lange nachdem sie weitergezogen war.

Meyye.

Er hatte sie nie unterschätzt; das war einer der Gründe, warum er immer noch existierte. In einer Stadt, die Ventrue in Serie verschlang, waren Verbündete mit einem gesunden Verhältnis zu Zähnen, Klauen und instinktivem Misstrauen keine schlechte Investition gewesen.
Unkraut, hatte sie über sich selbst gesagt. Er konnte nicht anders, als leise zu nicken. In einer Stadt wie Finstertal überlebte selten die schönste Blume, sondern das Gewächs, das jedes Gift kannte, weil es selbst eins war.

„Sie ist nicht weg“, stellte Alexander fest. „Nur… entzerrt.“
Mike runzelte kaum merklich die Stirn.
„Meyye. Wenn jemand noch durch die alten Knoten läuft – Hovel, Tiergarten, Burgh, alles, was Zacharii gebaut hat –, dann sie.“
Er sah die Stadt vor seinem inneren Auge wie eine Karte, auf der bestimmte Orte heller aufglühten: der Park, in dem alten Bestien noch Schatten gehörten, die Bibliothek in Burgh mit dem Mädchen, das nie gegangen war, die sakralen Bauten, die mehr Blut als Weihwasser gesehen hatten.

„Sie jagt immer noch ihren verlorenen Menschen“, fuhr Alexander fort, eher zu sich selbst als zu Mike. „So konsequent wie wir alle vorgeben, ‚weiter‘ zu sein als so etwas.“
Da war kein Spott in seiner Stimme, nur etwas, das man bei einem Ventrue selten hörte: eine Spur von Respekt. „Wer nach Jahrzehnten noch dieselbe Frage stellt, ist entweder töricht… oder gefährlich standhaft.“

Und dann war da Jürgen. Die Katastrophe aus Knochen, Fell und zersplitterter Normalität, die Finstertal damals durchzogen hatte wie ein Fiebertraum aus verdrehten Tieren. Der Magier war entkommen. Meyye hatte das nicht vergessen. Ein Teil von Alexander fragte sich, ob irgendjemand in dieser Stadt es je wirklich konnte.
„Wenn sie ihn irgendwann findet“, sagte er leise, „will ich, dass sie sich erinnert, dass ich an ihrer Seite stand, als die Stadt schon einmal vor die Hunde ging.“

Der Wagen nahm eine weite Kurve, und für einen Moment schien es, als würde die Straße selbst dunkel werden – nicht nur durch fehlende Laternen, sondern durch so etwas wie… Erwartung. Alexander schloss die Augen, als die Präsenz des dritten Reisenden ihn streifte, noch bevor er von ihm wusste.

Kein Ahnengeschmack, kein uralter Name, der durch die Epochen getragen wurde. Eher etwas anderes: Druck. Erwartung. Ein Körper, in den zu viel investiert worden war, um ihn einfach zu verlieren – und der doch genau deshalb immer wieder in Schlachtfelder geworfen wurde.
Michael Sean Balor.

„Wir sind nicht die einzigen, die sich dieser Stadt wieder nähern“, sagte Alexander. „Da ist jemand, der Finstertal als Test betrachtet. Als Prüfstein. Vielleicht als Endstation.“
Er öffnete die Augen und starrte ins Dunkel vor sich, in dem er nichts sah und trotzdem viel wahrnahm.

„Jemand, der immer wieder geschickt und immer wieder zurückgebracht wurde, ist entweder erstaunlich nützlich… oder erstaunlich entbehrlich.“ Ein trockener Unterton schlich sich in seine Stimme. „In beiden Fällen bedeutet Finstertal für ihn: Entscheidung.“
Er konnte sich den Mann fast vorstellen: auf dem Rücksitz einer Limousine, zwischen Kulturen, Dialekten, Loyalitäten. Ein Experiment, das zu lange gelaufen war, um es einfach abzubrechen – also schickte man es dorthin, wo die Fehlerrate traditionell hoch war. In diese Stadt.

„Wenn er fällt, wird es jemanden geben, der nickt und sagt: ‚Nun, wir haben es versucht.‘“ Alexander betrachtete seine eigene, reglose Hand im Dämmerlicht des Innenraums. „Wenn er nicht fällt… dann haben wir einen, der bereits gelernt hat, unter Bedingungen zu funktionieren, an denen andere zerbrechen.“
Er machte eine kleine, fast beiläufige Geste. „Finde heraus, wann sie die Stadt erreichen“, sagte er. „Ich möchte wissen, ob wir bei ihrer Ankunft gerade Gäste empfangen oder schon anfangen müssen, Feuer zu löschen.“

Es war fast ironisch, dass inmitten von Jetlandungen, nosferatinischen Netzen und Gangrel, die zwischen Geistern, Werwölfen und Magiern pendelten, eine ganz andere Ankunft ihn zum Schmunzeln brachte: ein Sprinter. Weiß. Six‑Miete. Black Ingvars auf Dauerschleife.
Finstertal vergaß nie, seinen Wahnsinn mit einem Hauch Groteske zu würzen.

„Die Farm“, sagte Alexander schließlich. „Natürlich.“
Ort für Rückzüge, Experimente, stille Aufbauten – und angeblich eine Domäne, in der sich irgendwann alle Kainiten zurückgezogen hatten, während Werwölfe Verluste zählten. Eine Art Nebenfront, an der Geschichten weitergingen, wenn die Stadt selbst den Atem anhielt.

„Wir haben also: einen Ahn im Schatten, der mein Ticket zieht und nicht sofort ‚Problem‘ schreibt. Eine Gangrel, die halb Legende, halb schlechte Angewohnheit der Stadt ist. Einen Ventrue, der nicht weiß, ob er hier getestet oder entsorgt wird. Und jemand, der im Fahrstuhl zur Hölle Black Ingvars hört und Material auf die Farm karrt.“ Alexander lehnte den Kopf zurück und schloss kurz die Augen. „Finstertal…“
Er öffnete sie wieder und sah Mike an. „Es fühlt sich fast an wie früher.“

Der Maybach hielt vor dem Anwesen. Dieselben Stufen, dieselbe Art von gedämpftem Licht, das jede Schwäche unbarmherzig zeigte, ohne laut zu werden. Alexander stieg aus, ließ die Nacht über sich strömen und wartete, bis sich die Geräusche beruhigt hatten.

Dann sprach er nicht zu Mike, nicht zu einem Leibdiener oder Untergebenen, sondern in die Dunkelheit hinein. In jene unsichtbare Hörerschaft, von der er wusste, dass es sie immer noch gab in dieser Stadt: Schatten unter Rollfeldern. Augen in alten Parks. Ohren in Bibliotheken. Menschen in Autos, die zu viel dachten, während sie auf Finstertal zufuhren. Männer in Sprintern mit fragwürdigem Musikgeschmack.

„Ihr seid also noch da“, sagte Alexander ruhig. „Oder ihr kommt zurück. Oder ihr habt nie aufgehört, diese Stadt im Auge zu behalten.“
Seine Worte hingen einen Moment in der Luft, als hätte er sie in jeden Winkel gleichzeitig gesprochen.

„Meyye,“ er schmeckte den Namen wie einen alten, rauen Wein, „du rennst immer noch Geistern und Magiern hinterher, die nicht wissen, wann sie tot sein sollten. Wenn du irgendwann aufhörst, alles retten zu wollen, was dieser Stadt entglitten ist – komm vorbei. Es wird genug geben, was wir gemeinsam zur Strecke bringen können. Lebend oder tot.“

„Lurker,“ fuhr er fort, „du hast Recht behalten: Wer in Finstertal überlebt, ist entweder klüger als die anderen… oder schlicht zu hartnäckig zum Sterben. Halten wir es meinetwegen auf ‚nützlich‘. Wenn das Netz wieder zittert, will ich, dass du genau hinsiehst. Es ist besser, wenn die Spinne weiß, dass die Hand, die zieht, nicht ihr Futter abschneidet – sondern neues bringt.“

„Michael Sean Balor,“ er sprach den Namen mit der Sachlichkeit eines Buchprüfers, „du kommst aus einem System, das dich als Variable in einer Gleichung betrachtet. Finstertal ist kein Rechenexempel. Es ist ein Verdauungsapparat. Wenn du bestehen willst, brauchst du mehr als Loyalität und Leidensdruck. Du brauchst einen Platz in der Struktur – oder den Mut, sie völlig umzukrempeln. Wenn du klug bist, meldest du dich, bevor du hier versuchst, alleine Geschichte zu schreiben.“

„Und an jene auf der Farm,“ ein kaum merklicher Anflug von Humor schlich sich in seine Stimme, „die in der Nacht mit Black Ingvars über die Autobahn schleichen: Ihr seid die Sorte Wahnsinn, die diese Stadt immer wieder hervorgebracht hat. Pünktlich, gründlich, unterschätzt. Material wird wichtiger sein als Manifeste. Bleibt, wo ihr seid. Finstertal hat die Angewohnheit, früher oder später zu jedem Außenposten zurückzukehren.“

Er machte eine kleine, abschließende Geste, als würde er eine unsichtbare Sitzung schließen.

„Ich bin zurück“, sagte Alexander schließlich, nun leiser. „Nicht, um alte Titel zu polieren. Nicht, um der nächste Eintrag auf der Liste gefressener Ventrue zu sein. Ich bin zurück, weil diese Stadt unvollendete Rechnungen hat – mit Werwölfen, mit Magiern, mit ihren eigenen Kindern… und mit mir.“
„Wer noch Ansprüche, Schulden oder Fragen hat, wird Gelegenheit bekommen, sie vorzubringen. Wer nur abwarten will, ob Finstertal den nächsten Königspudel frisst, darf sich einen guten Platz suchen.“

Er wandte sich zur Tür des Anwesens und ging die Stufen hinauf.

„Die Dame an der Finster hat uns alle schon einmal geprüft“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zur Nacht. „Dieses Mal schreibe ich mit an der Prüfung.“

Die Tür schloss sich hinter ihm.
Und draußen, in Parks, auf Farmen, in Autos und in den Ritzen der Stadt, begannen jene, die noch da waren, ihre alten Namen wieder in den Mund zu nehmen.

Alexander Stahl war wieder in Finstertal.
Eine neue Nacht begann
 
Das Telefon auf dem massiven Schreibtisch klingelte zweimal. Dann brach die Verbindung ab.

Alexander sah auf die Uhr. Zwölf Minuten. Genau so lange hatte er ihnen gegeben, seit Mike diskret eine einzige verschlüsselte Nachricht über einen alten, noch aktiven Kanal geschickt hatte. Keine Worte, keine Erklärung – nur ein Code, der vor Jahren vereinbart worden war und der eine einzige Bedeutung hatte: Er ist zurück. Komm.

Jetzt klingelte das Telefon ein zweites Mal. Wieder zweimal. Dann Stille.

Er hob ab.

„Sarah.”

Ein kurzes, hörbares Einatmen auf der anderen Seite. Dann, mit einer Stimme, die sich erst fangen musste: „Herr Stahl.”

„Spar dir das Stottern. Ich habe keine Geduld für Überraschungsmomente.” Er lehnte sich in den Stuhl zurück und ließ den Blick durch das düster beleuchtete Büro gleiten – Bücher, die niemand in seiner Abwesenheit berührt hatte, und Staub auf dem Fensterbrett, der das erzählte, was Protokolle nicht konnten. „Wie lange bist du schon allein mit der Sache?”

„Seit… seit dem letzten Jahrestag. Da hat Marcus aufgehört zu erscheinen.”

Marcus. Alexander ließ den Namen kurz durch seinen Kopf laufen. Kein Bedauern, keine Überraschung – nur eine stille, buchhalterische Notiz. Irgendwann würde er herausfinden müssen, ob Marcus gegangen oder gegangen worden war. Für heute war es irrelevant.

„Du hast gut gemacht”, sagte er. Es klang nicht wie ein Lob – es klang wie eine Tatsachenfeststellung. „Die Anlage läuft noch?”

„Ja.” Ihre Stimme festigte sich, als sie spürte, dass er keine Tränen erwartete. „The Mexican läuft. Drei Nächte die Woche Betrieb, Donnerstag bis Samstag. Das Konzept ist leicht verschoben, mehr elektronische Musik, das Publikum ist jünger geworden. Der Umsatz ist…” – ein kurzes Zögern – „vertretbar. Nicht was es mal war. Aber vertretbar.”

„Vertretbar reicht.” Alexander trommelte einmal mit einem Finger auf die Tischfläche. „Die Systeme.”

Eine kurze Pause. Er hörte sie Luft holen.

„Die Systeme sind online. Vollständig. Ich habe nach Ihrer Abreise die zweite Ausbaustufe initiiert, wie besprochen.” Sarah sprach jetzt ruhiger, sachlicher – das war ihr Element. Zahlen, Abläufe, Technik. Nicht Gefühle. „Gesichtserkennung am Eingang läuft mit dem erweiterten Abgleich. Die alten Ausschlusslisten wurden auf den neuesten Stand gebracht, soweit mir Informationen zugespielt wurden. Alle Eingänge – Haupt, Seiteneingang Gasse, Lieferbereich – haben unabhängige Systeme mit automatischer Querverifizierung.”

„Radiofrequenz-Überwachung?”

„Aktiv. Im Umkreis von fünfzig Metern. Jedes Gerät, das einen bekannten Störsender trägt oder einen Frequenzschnitt versucht, löst stille Alarmierung aus.” Eine kleine, fast trotzige Pause. „Kein einziger Durchbruch in zwei Jahren, Herr Stahl. Nicht einer.”

Alexander schloss die Augen für einen Moment. Er hatte Sarah vor vielen Jahren ausgewählt, weil sie keine Romantik in ihre Arbeit steckte. Keine Heldengeschichten. Nur Ergebnisse. Jetzt war er froh darüber.

„Die Chinesen haben es versucht?”

„Dreimal, soweit ich rekonstruieren konnte.” Ihre Stimme bekam einen trockenen Unterton. „Einmal Mitarbeiter-Unterwanderung – wurde im Vorabcheck beim zweiten Gespräch erkannt, Bewerbung abgelehnt, Person verschwunden. Einmal technischer Angriff auf das externe Buchungssystem – umgeleitet auf eine Honeypot-Adresse, wir haben nichts verloren. Und einmal… kam jemand ans Personaleinlass und hatte Papiere, die fast richtig waren.”

„Fast.”

„Fast”, bestätigte sie. „Die Biometrie stimmte nicht. Er wurde abgewiesen. Kam nicht wieder.”

Alexander öffnete die Augen und sah zur Decke. Eine Stadt, die sich verändert hatte. Strukturen, die bröckelten. Und ein Nachtclub in einer Nebengasse, der zwei Jahre lang gehalten hatte, weil eine Frau mit kühlem Verstand und seinem Blut in den Adern keine Fehler gemacht hatte.

„Das Inventar”, sagte er. „Ich will eine vollständige Übersicht. Liquidität, laufende Verbindlichkeiten, was an den Systemen ausläuft, Personalsituation, und alles, was in den letzten sechs Monaten ungewöhnlich war – Lieferanten, Gäste, Anfragen. Alles.”

„Bis wann?”

„Bis übermorgen Nacht.” Er ließ eine kleine Pause entstehen. „Und Sarah.”

„Ja?”

„Du hast die Anlage gehalten. Das ist nicht selbstverständlich.” Er machte keine weitere Geste dazu. Bei einem Ventrue war das, was nicht gesagt wurde, oft lauter als das Ausgesprochene. Sie würde verstehen. „Organisiere für mich einen stillen Einlass in drei Nächten. Ich möchte das Haus sehen, bevor ich es offiziell wieder betrete.”

„Ich arrangiere das.” Eine kurze Stille. „Ist es… dauerhaft? Ihre Rückkehr?”

Alexander betrachtete das Fenster, hinter dem die Stadt in ihrem eigenen Licht schwamm, gleichgültig und lebendig und voll von Dingen, die nicht auf ihn gewartet hatten.

„Das entscheidet Finstertal”, sagte er. „Aber ich plane es so.”

Er legte auf.



Der Schreibtisch lag wieder in Stille. Alexander zog ein kleines, abgegriffenes Notizbuch aus der inneren Manteltasche – kein digitales Gerät, kein Cloud-Dokument, nichts, das zittern konnte, wenn jemand neugieriges am Netz zog. Nur Papier und ein Stift, der in Honkong gekauft und in einem Keller in Starre überlebt hatte.

Er öffnete eine neue Seite.

Oben schrieb er:

Finstertal – Bestandsaufnahme. Nacht 1.

Darunter:

The Mexican – aktiv. Systeme – intakt. Sarah – zuverlässig.

Und dann, nach einer kurzen Pause:

Marcus – klären.

Er klappte das Buch zu und legte es auf den Schreibtisch. Die Stadt draußen würde nicht aufhören zu atmen, nur weil er begann, Notizen zu machen. Aber sie würde es bald spüren – dieses leise, gleichmäßige Ziehen an Fäden, die lange nicht bewegt worden waren.

Alexander Stahl hatte immer dann am ruhigsten gewirkt, wenn er am intensivsten damit beschäftigt war, etwas aufzubauen.

Oder einzureißen.
 
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