[ eduRPG ] Was wäre, wenn Lernen sich wie ein Abenteuer anfühlen würde?

Daniel hat mich gebeten, einen kleinen Beitrag darüber zu schreiben, wie das Buchprojekt eduRPG eigentlich entstanden ist. Bei einem so umfangreichen und langjährigen Projekt gibt es natürlich viele Perspektiven und Ansatzpunkte, bei denen unsere Geschichte beginnen könnte. Am besten kenne ich meine eigene. Daher, wenn ihr mögt, folgt mir in eine frühe Erinnerung, die vielleicht meinen persönlichen Grundstein für alles gelegt hat.

Wir sind in einem kleinen Dorf im Rheinland, Mitte der 1980er Jahre. Ein abgedunkeltes Zimmer, das Fenster offen, warme Sommerluft. Auf dem Boden plärrt ein Kassettenrekorder, der Rockabilly spielt. Eigentlich etwas zu laut für den Raum, aber hey, alles war so aufregend. Mein bester Kumpel und ich sitzen auf dem Teppich. Vor uns liegt eine große schwarze Box mit einer seltsamen Maske drin und in der Hand halte ich das „Buch der Regeln“. Aber ich erinnere mich nicht nur an die Regeln dieser ersten Ausgabe von „Das schwarze Auge“, sondern ich habe immer noch den Sound der seltsamen italienischen Band „Rocky Sharpe and the Replays“ im Ohr. Ich schmecke immer noch die Limonade, fühle den Teppich und die Textur des Papiers in meiner Hand. Und ich sehe mich immer noch als ein Zwerg auf dem Deck eines Schiffes unter klarem Nachthimmel stehen und spüre das Schwanken der Planken im Seegang.

Kennt ihr das? Dass eine Szene euch so unglaublich präzise in Erinnerung ist, weil ihr so viel damit verbindet? Mir jedenfalls fällt noch eine solche Szene ein.

Folgt mir nach Mönchengladbach zu Beginn der 1990er Jahre. Diesmal studiere ich gerade Sozialpädagogik und sitze in einem Seminar zu Psychodrama. Wir bauen Stockpuppen und spielen Situationen durch, nähern uns Theorien über Rollen und Interaktion. Viele andere Inhalte aus dieser Zeit sind längst verblasst, aber dieses eine Seminar ist noch sehr prägnant da. Ich erinnere nicht nur das Rollenspiel, sondern auch die Inhalte dieses Seminars. Ziemlich klar sogar. Zwei sehr unterschiedliche Situationen, und doch ist in beiden Fällen Wissen bleibend und im Kontext abgespeichert.

Heute bin ich Hochschullehrer und frage mich konstant, wie entsteht eigentlich Lernen, das tragfähig ist? Wie kann ich meine Studierenden faszinieren, ihr kritisch-eigenständiges Denken fördern, die vermittelten Inhalte bleibend verankern? Ich hab dazu viel ausprobiert: Gamification, LEGO Serious Play, agile Methoden. Das alles bringt Bewegung in Seminare, macht Dinge zugänglicher, holt Studierende stärker ins Tun. Aber den letzten Impuls hin zum Versuch der Nutzung von Rollenspielen im Unterricht fand ich erst später und auf sehr unangenehme Weise.

2017 hatte mich eine schwere Erkrankung urplötzlich aus dem Alltag gekickt. Alles war auf einmal viel langsamer. Reduzierter. Und ich begann, meine Lehre mit etwas mehr Abstand zu betrachten. Dachte darüber nach, was nach einigen Jahren vom Unterricht wirklich übrigblieb. Und da tauchten diese alten Szenen wieder vor meinem geistigen Auge auf. Das erste Rollenspiel. Das Psychodrama-Seminar.

Also begann ich, so gut ich es zu jenem Zeitpunkt konnte, mit Rollenspiel-Elementen in der Lehre zu experimentieren. Ich passte Dinge an, probierte Alternativen aus und verwarf sie wieder. 2020 gab es gewaltigen Fortschritt. Zunächst auf einem Barcamp der Berliner Waldritter. Sie brachten etliche Menschen zusammen, die sich mit genau solchen Fragen beschäftigen. Nur kurz darauf fand die allererste “Therapeutic + Applied Geek + Gaming Summit” (TAGGS) Konferenz statt. Beide Tagungen waren echte Augenöffner für mich. Ich stellte fest, dass es da draußen eine ganze Szene gab, die Rollenspiel als Methode bereits andachte. Meist im Kontext von Therapie, aber langsam beginnend auch im Kontext von Bildung.

Am 1. Juli 2020 fing ich deshalb an, Leute anzuschreiben. Ein paar Kontakte, ein gemeinsamer digitaler Raum auf Discord, erste Onlinetreffen und schon hatten wir eine kleine Gruppe. Zu Beginn waren wir zu siebt und alle aus dem Bereich von Deutschland und Österreich, aber schrittweise wurden die Kreise weiter. Wir haben Ideen entwickelt, ausprobiert, diskutiert und wollten wissen, wie sich das Potenzial von Rollenspiel so nutzen lässt, dass daraus bewusst gestaltete Lernprozesse entstehen. Im Oktober 2020 machte ich dann den Vorschlag, Wissen zu sammeln und weiterzugeben. Die Idee eines Buches wurde geboren. Wir fragten Forschende und Praktizierende nach Beträgen und ich bat Kathrin Fischer, das Buch gemeinsam mit mir herauszugeben.

Dann nahm alles Fahrt auf. Kathrin und ich suchten Autorinnen und Autoren, die in ihren jeweiligen Kontexten mit Rollenspiel arbeiten. Nicht alle hatten Zeit, aber wir bekamen positive Rückmeldungen aus den unterschiedlichsten Bereichen der Weit, darunter Großbritannien, Schweden, Japan, Malaysia und verschiedenen Bundesstaaten der USA. Mit jeder neuen Perspektive wurde klarer, wie breit das Feld ist – und gleichzeitig, welche gemeinsamen Linien sich durchziehen.

Im Februar 2022 hatten wir eine erste tragfähige Struktur ausgetüftelt. Wir diskutierten über einen sinnvollen Verlag für unser Herzensprojekt, aber eigentlich war sehr schnell klar, dass es nur eine einzige Lösung geben konnte. Bei System Matters ist die Liebe zu Büchern in der Gestaltung spürbar und hier wäre unser Buch ideal aufgehoben.

Also trafen wir uns im April 2022 online mit Patrick und Daniel, die unsere Idee mochten. Wir waren glücklich und werkelten weiter. Dass es noch weitere vier Jahre dauern sollte, bis dass wir es dann tatsächlich gemeinsam geschafft hatten, ahnte damals niemand von uns. Wenn letztlich rund 25 Menschen an der Entstehung eines gemeinsamen Projektes beteiligt sind, dann entwickelt sich eine eigene Dynamik. Texte entstehen parallel, obwohl sie eigentlich aufeinander aufbauen. Dinge verschieben sich, neue Ideen kommen dazu. Nacheinander erkrankten Schreibende an Corona und die Deadlines verzögerten sich um Monate. Aber irgendwie gelang es doch letztlich immer wieder, die Stränge zusammenzufügen und einen gemeinsamen Guss zu finden.

Unser durchgehender Gedanke war und ist, dass das Buch intensiv genutzt werden soll. Deshalb haben alle Schreibenden, Übersetzenden, Redigierenden, Lektorierenden, Spieletestenden und Herausgebenden auf ein Honorar verzichtet. Statt finanzieller Entlohnung haben wir uns von System Matters eine tolle Gestaltung gewünscht. Und die haben wir mit großartigem Satz, aufwändiger Gestaltung und Hammer-Artwork auch absolut bekommen.

Wir sind unfassbar gespannt, was ihr alles mit diesem Buch anstellen werdet. Und wir hoffen, dass ihr die Augen eurer Spielenden so leuchten lasst, dass auch sie noch in 40 Jahre intensiv von euren Anregungen berichten werden.

Frank



Erzählt uns davon. Hier findet ihr uns:

Kathrin
Instagram: @kathrinfische18 & @edutale2020
Web: Pen-&-Paper-Rollenspiele | EduTale

Frank
Instagram: @eduRPG
Web: Willkommen bei eduRPG

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