[Mai 2008] Wo ist mein Zuhause?

Sesshaft werden... Immer wenn Jack diesen Gedanken in der Vergangenheit bekam, verwarf er ihn binnen Sekundenbruchteilen wieder, setzte sich ins Auto und fuhr quer durch den Bundesstaat zum Nächsten. Doch wenn Finstertal wirklich so ereignisreich war wie Malik sagte, konnte zumindest ein etwas längerer Aufenthalt in der Domäne nicht verkehrt sein. Leider fehlte Jack noch ein Puzzleteil für dieses Unterfangen.

"Ich sag dir was, Malik. Du bürgst für mich während meiner Aufnahme in der Stadt und ich schulde dir einen Gefallen. Dies gilt natürlich nicht für Himmelfahrtkommandos, aber ansonsten stehe ich dir mit meinen Fähigkeiten gern zur Verfügung. Einen zweiten Bürgen habe ich bereits in Aussicht. Dessen Namen möchte ich aber nicht unbedingt kundtun. Das würde die bisherigen Verschwiegenheitsvereinbarungen zwischen ihm und mir verletzen."

Jack wartete eine merkliche Reaktion in Maliks Gesicht ab bevor er weiter sprach.

"Die Idee mit dem Plattenlabel ist nicht die Verkehrteste, aber das gibt die wirtschaftliche Lage derzeit einfach nicht her. Jedoch hast du mich damit auf eine andere gute Idee gebracht. Wirklich viel Geld ist nämlich im Veranstaltungsgewerbe zu verdienen. Mit meinem Bekanntheitsgrad sollte es nicht sonderlich schwer sein einige gute Künstler anzuwerben und ich kenne die Arbeit meines Agenten lange genug, um mir entsprechende Fähigkeiten und Aufgaben ebenfalls zuzutrauen. Mir schwebt im Moment ein Konzept wie Band-Aid vor. Konzerte geben, Spendengelder sammeln, Stiftungen gründen. Ja, doch, die Idee gefällt mir gut..."

Jack grübelte weiter vor sich hin. Er machte noch immer einen angeschlagenen Eindruck, doch langsam sammelte er sich wieder. Von der Motorhaube griff er sich seinen schwarzen Stetson und setzte sich den Cowboy-Hut wieder auf. Ohne es zu merken trommelte er mit den Fingern auf dem Blech des Geländewagens während seine Gedanken weitere Ideen sammelten.
 
Um sich von seinen Problemen abzulenken und auf andere Gedanken zu kommen, hatte Hal beschlossen, einen größeren Spaziergang durch die Stadt zu unternehmen. Nichts Böses denkend und Lieder vor sich hinpfeifend kam er schließlich an die Stelle, wo die beiden saßen und redeten.

Sind das da drüben nicht der Musiker von neulich und der verfluchte Folterknecht ? Mische ich mich jetzt in dieses Gespräch ein oder nicht ?

Unschlüssig stand er da und beobachtete die Szene...
 
"Mh..." Die Geißel kratzte sich dass Kinn. "Ich kann für dich sprechen, bürgen würde ein wenig zu weit gehen. Ich habe zwar deine Akte gelesen, aber noch keine genaueren Nachforschungen in dieser Richtung getan. Meine Stimme sollte aber so gut wie eine Bürgschaft von jedem anderen Kainiten in der Stadt im Ohr des Prinzen sein. Daher bräuchtest du dir keine Sorgen zu machen, ob du bleiben darfst oder nicht. Auch kann ich deine Aktivitäten schützen und dafür sorgen, dass sie ohne große positive Einmischung anderer von statten geht.

Was ich jedoch wissen muss, ist wer dein anderer Bürge ist. Nicht jetzt sofort, aber es ist nicht gerade vertrauensselig für einen Bürgen geheim bleiben zu wollen, wenn du verstehst was ich meine. Nicht das es zum Schluss einer meiner Feinde ist, der dein Bürge ist. Das wäre weder für mich noch für dich sehr angenehm.

Schön jedenfalls zu sehen, dass du ein paar Ideen hast." Malik war schon gespannt darauf, was dieser Brujah die nächsten Jahre in Finstertal bewirken würde.
 
Jemand wie Jack dachte gar nicht in Zeiträumen von Jahren. Jack lebte für den Moment: Für den Fahrtwind auf seinem Gesicht, für den Mondschein auf seinem linken Arm bei geöffnetem Autofenster, für den Klang seiner Gitarre vor Publikum... Jedoch hatte Jack eine Idee. Puzzleteile setzten sich Stück für Stück zusammen. Ja, er würde Gutes tun. Zu jeder Zeit und an jedem Ort. Die Zeit war gekommen Verantwortung zu übernehmen. Malik würde später stolz davon berichten können, wie er einen Verlorenen in die richtigen Bahnen gelenkt hatte.

"Natürlich werde ich dir den Namen mitteilen. Leider geht dies jetzt noch nicht. Ich muss erst die Einwilligung des Bürgen einholen. Er versprach mir, mich zu unterstützen. Aber so viel sei gesagt: Es handelt sich um einen Verborgenen. Mehr kann und darf ich ohne weitere Absprache jedoch nicht sagen. Wie die Verborgenen selbst pflege ich Diskretion bei Geschäften einzuhalten. Aufgrund meines Berufs bin ich auf die Nosferatu angewiesen und ich werde nicht leichtfertig meinen guten Ruf bei eben diesen aufs Spiel setzen.
Auf jeden Fall bedanke ich mich aufrichtig dafür, dass du mir dabei hilfst Fuß in der Stadt zu fassen - auch in Hinblick auf meine Vergangenheit. Du lehnst dich damit vielleicht weiter aus dem Fenster als du es zur Zeit vermuten würdest..."

Die Präsenz des Nosferatu erkannte Jack nicht. Er vermutete zu dieser Stunde niemand anderen in der näheren Umgebung. Lauschende Ohren konnten hier viel erfahren.
 
Der Fremde und der Neger wollen sich gegenseitig helfen... Interessant, interessant... Vielleicht erfahre ich mehr, wenn ich mit den Knilchen einfach einmal rede... Weiß mans ?

Den Tipperary pfeifend tat er so, als wäre er grade eben erst vorbeigekommen und hätte nicht die letzten paar Minuten gelauscht. Arglosigkeit vortäuschend betrat er die metaphorische Bühne und das übliche Lächeln formte sich, als er die beiden Mitverdammten sah, ganz so als freute er sich, sie zu sehen, was bei der Hälfte auch stimmte.

"Schönen Abend, Herrschaften. Störe ich irgendetwas Geschäftliches?"

Die Entschuldigung muß ich dann wohl schriftlich schicken... Vor dem Neuzugang, denn das wird er wohl sein, demütige ich mich nicht...
 
Huch? Schon wieder ein neuer Unbekannter?

"Mitnichten, wir tauschen nur ein paar Ideen und Formalitäten aus. Ich bin Jack. Und du bist..?"

Jack sah mit seinem schwarzen Stetson, der Lederjacke und den rotbräunlichen Cowboyschuhen etwas eigen aus. Auf seiner Gürtelschnalle prangte die Flagge der amerikanischen Südstaaten.
 
Jack also... Vielleicht sollte ich ihn mir merken, damit er mir irgendwann einmal helfen kann... Schaden kann es schließlich nicht, immerhin hat die Froschfresserin etwas gegen mich, da kann ich Freunde brauchen...

Immer noch lächelnd, streckte er Jack die Hand zur Begrüßung hin.

"Hal. Für meine Freunde und auch sonst so ziemlich jeden, der mich kennt, bin ich Hal. Was führt dich in diese Stadt, wenn ich fragen darf ?"

Der Folterknecht wurde erst einmal ignoriert, begrüßt hatte man ihn und den kannte man schließlich schon. Kein Grund also, sich nicht erstmal mit dem Unbekannten zu beschäftigen...
 
"Ein Verborgener also..." die Geißel rieb sich das Kinn und überlegte, wer das sein könnte. Er kannte zwar alle offiziell gemeldeten, doch wenn es ein inoffizieller war, dann konnte das wirklich Probleme geben. Doch warum sollte ein inoffizieller eine Bürgschaft anbieten.

Malik wollte gerade etwas erwidern, als ein weiterer Kainit die Bühne betrat. Wenn der Nosferatu seine oft verwendete Maske trug, so würde ihn Malik erkennen, wenn nicht...doch schnell erkannte die Geißel den Kainiten und seine Augen wurden etwas schmaler. Hatte er etwas die ganze Zeit gelauscht oder war es wirklich nur Zufall? Malik fluchte innerlich, er hätte besser aufpassen müssen.

"Wir werden sehen was die Zukunft bringt. Ich lebe nach der Devise, eins nach dem anderen." Dann schaute er zu dem Neuankömmling.

"Guten Abend." seine Stimme war deutlich kühler, als in dem Gespräch mit Jack. "Nein sie stören nicht, kann ich etwas für sie tun?" Plötzlich kam Malik ein Gedanke. Das war doch nicht etwa der Bürge, von dem Jack gesprochen hatte!?
 
Na, danke... Jetzt muß ich mit ihm reden... Ach, was solls, jetzt kannst du auch mal kurz einen Zacken aus der Krone brechen... Aber sicher kannst du mir helfen, Folterknecht... Langsam und qualvoll krepieren kannst du, damit wäre mir geholfen...

Hal sah den Malk abschätzend an und überlegte eine Weile.

"Ich wüßte nicht wie, außer vielleicht mit Ihrer postalischen Adresse, damit ich Ihnen einen Brief schreiben kann... Da ist ja noch einer fällig..."





 
Jack ergriff die Hand von Hal und schüttelte diese. Sein Händedruck war fest, aber nicht unangenehm. Jack machte körperlich den Eindruck, dass er trotz seiner schlanken Statur nicht der Schwächste war und sich im Notfall durchaus zu wehren wusste.

"Schön dich kennenzulernen, Hal. Ich bin aus beruflichen Gründen hier. Vielleicht bleibe ich aber auch etwas länger, wenn mich die Stadt begeistern kann."

Jack deutete auf den Gitarrenkoffer.

"In einigen Tagen gebe ich ein Benefiz-Konzert im Black Hammer. Du bist auch eingeladen, wenn du magst."

Ansonsten überließ Jack nun Hal und Malik das Wort. Er wollte sie nicht bei ihrer Unterhaltung stören oder lauschen und so setzte er sich wieder auf die Motorhaube und stimmte seine Gitarre.
 
Ach, er also auch... Gut zu wissen...

"Ebenfalls schön dich kennenzulernen. Wenn mir meine Arbeit Zeit läßt, werde ich da sein..."

Nach dem üblichen Austausch der Höflichkeiten verbreiterte sich das Lächeln leicht.

"Wenn mich nicht alles täuscht, bist du Amerikaner. Was führt einen Ami über den großen Teich, wenn ich fragen darf ? Die meisten Amis, die ich kannte, waren eher gegen weite Reisen..."
 
Jack blickte von der Takamine auf und drehte seinen Kopf in die Richtung der Beiden um.

"Ich verstehe auch nicht warum unsereins so ungern auf Reisen geht. Ich hingegen mag es sehr gern mit hoher Geschwindigkeit von Ort zu Ort zu fahren. So trifft man immer neue Leute und erweitert den eigenen Horizont. Wer nicht reist, lebt nicht."

Jack konnte nicht einordnen in welcher Beziehung Hal und Malik zueinander standen und eigentlich wollte er dies auch lieber nicht wissen. Ihre Angelegenheiten waren nicht die seinen.
 
Hal antwortete mit einem wehmütigen Lächeln.

"Ja, das ist wohl wahr... Besonders, wenn man berufsbedingt reist, lernt man viele neue Orte kennen und manchmal auch viele Leute... Auch wenn man je nach Beruf manchmal nicht viele Leute treffen möchte... LA zum Beispiel war nicht so schön..."
 
Wie bitte?? L.A. war nicht so schön?!?

Der Brujah sprang mit einem Satz vom Wagen, legte die Gitarre zurück in den Koffer und noch bevor Malik reagieren konnte schritt Jack zielstrebig auf Hal zu. In sehr kurzer Distanz zu ihm blieb er stehen und blickte ihm geradewegs in die Augen. Seine Stimmlage war von sehr offen und freundlich auf den Gefrierpunkt umgeschlagen.

"Dann würde ich vermuten, dass du wohl mit den falschen Leuten in L.A. zu tun hattest. Ohne den Freistaat würden wir beide heute nämlich nicht mehr diese Unterhaltung führen können."
 
Was hat der denn für ein Problem ? Nur weil ein oder zwei Dinge im Freistaat nicht toll waren, führt sich der Kerl so auf, als hätte ich seine Familie beleidigt und ihm die Pest an den Hals gewünscht ? Seltsamer Typ...

Schlagartig war das Lächeln verschwunden und auch seine Stimme wurde kalt wie Eis.

"In der Tat habe ich das. Ist das ein Problem für dich ? LA ist eine schöne Stadt, da gibt es keinen Zweifel. Ich war da ein paar Jahre auf Arbeits- und Bildungsreise und das Einzige,was mir halt nicht gefallen hat, waren diese intoleranten Pisser, die jedem, der nicht dazugehörte, am liebsten den Schädel ein- und dann abgeschlagen hätten... Solche Leute sind die Pest, sage ich dir..."
 
Jack wurde sich bewusst, dass er wohl völlig überreagiert hatte. Andererseits hatte Hal tatsächlich mehr oder minder seine Familie beleidigt. Er versuchte sich zu beherrschen, doch noch immer waren die Knöchel und Sehnen seiner linken Hand am Zittern und vor innerlicher Anspannung kreideweiß.

"Mhh, tut mir Leid. Du musst wohl an diese Scheißkerle aus den Suburbs geraten sein. Die tun immer wieder so, als wenn ihnen die Stadt gehörte. Mit denen muss man den Boden aufwischen. Aber rede du nie wieder schlecht über L.A.! Ohne Jeremy würde es mich heute nicht mehr geben. Ich habe bis heute viele Freunde dort und die sind mir so heilig wie meine Familie zu Lebzeiten!"

Der junge Brujah wandte sich kurz von Hal ab und raufte sich die Haare. Schon wieder war sein Temperament mit ihm durchgegangen... Ohne dass sein Gegenüber etwas dafür konnte... Mit dem Rücken zu Malik und Hal gedreht schlug sich Jack selbst ins Gesicht.
 
Hm, könnte ein Brujah sein oder einfach bloß jemand mit kurzer Zündschnur... Naja, letztlich auch egal...

Nach einer Weile beruhigte Hal sich langsam wieder. Sogar das Grinsen kehrte zurück.

"Nana, ist doch kein Problem... Schlecht ist LA wirklich nicht. Schließlich habe ich da knapp 30 Jahre gearbeitet und abgesehen von diesen Pissern waren da alle recht freundlich... Es gibt viel schlimmere Orte, das sage ich dir... Chicago zum Beispiel oder auch bestimmte Viertel in Neapel sind für Ortsfremde auch recht ungesund, dagegen ist LA ein Kurort..."
 
Hal konnte sich glücklich schätzen, dass er noch nie Orte wie Tijuana oder Detroit gesehen hatte... Jack war nicht stolz auf seine dortigen Erfahrungen, und noch immer nagten sie an seinen Knochen. Das, was er dort sah, war weitaus schlimmer gewesen als seine schlimmsten Erfahrungen im Vietnamkrieg.

Langsam bekam Jack sich wieder in den Griff. Er blickte kurz zu Malik. Hoffentlich sah dieser keinen Grund zum Einschreiten.

"Es tut mir Leid. Mein Fehler. Verzeihst du mir?"

Jack reichte Hal die Hand zur Versöhnung.
 
Mit einem breiten Grinsen nahm Hal Jacks Hand.

"Aber sicher... So ein kleiner Temperamentsausrutscher kann doch jedem mal passieren... Ist doch schon vergeben und vergessen..."

Ein Glück, daß der so schnell wieder runterkommt... Bei Milly wäre jetzt mindestens eine Woche dicke Luft gewesen... Und diese Jenny erst, die könnte wohl ähnlich schwierug werden, aber glücklicherweise ist weder die eine noch die andere meine Angelegenheit...

Nach einer Weile ließ er die Hand los.

"Was hältst du davon, wenn wir mal zusammen einen trinken ? Vielleicht noch ein paar Reisegeschichten zum Besten geben und wenn du willst, könnte ich dir behilflich sein,dich hier zurechtzufinden..."
 
Jack konnte natürlich nicht wissen, wie Hal und Malik zu einander standen und so war Jack froh, dass Hal seine Entschuldigung annahm und ihn sogar noch einlud. Wie immer war Jacks Handdruck fest und unaufdringlich.

"Gerne. Es tut mir wirklich Leid, manchmal brennt bei mir eine Sicherung durch, wenn ich fälschlicherweise denke, dass jemand meine Freunde diffamiert."

Jack nahm seine Brille ab und putzte sie mit einem speziellen Tuch ab.

"Ich habe von einem Café im Ort gehört. Wahrscheinlich lasse ich mich dort nachher blicken. Vorher muss ich aber noch einige Dinge mit Malik bereden und Organisatorisches klären. Wir sehen uns dort, Hal?"

In Jacks ehrlichem Gesicht konnte jeder Idiot erkennen, dass er es tatsächlich aufrichtig mit dem ihm Unbekannten meinte.
 
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