Rollenspieltheorie Warum Dystopie?

Madpoet

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Dystopie ? Wikipedia
Eine Dystopie oder Anti-Utopie ist eine Geschichte, die in einer fiktiven Gesellschaft spielt, die sich zum Negativen entwickelt hat, und stellt somit einen Gegenentwurf zu Thomas Morus' Utopia dar. Die Eutopie (griech. εὐτοπία, eutopia) dagegen beschreibt das Gegenteil: eine Idealgesellschaft, die alle positiven politischen Menschheitsträume verwirklicht hat. Aber auch Endzeit-Geschichten sind eine Form der Dystopie. Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen.

Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine autoritäre oder totalitäre Regierungsform bzw. eine Form repressiver sozialer Kontrolle. Typische Charakteristika einer Dystopie: Dem Individuum sind durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheiten genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört und das Bewusstsein der eigenen Geschichte oder eigener Werte gekappt.

Ok richten wir mal ein Augenmerk auf die Dystopie im Rollenspiel.
Eine Menge Szenarien sind sehr Düster und stellen Gesellschaften am Abgrund dar.
Viele Horror, Endzeit, Cyberpunk (und andere Spiele die mit einem "Punk" am ende des Klappentext Werben ...) sowie einige Dark Fatasy und SiFi Settings spielen in einer mehr oder weniger Dystopischen Welt.

Ein paar Beispiele:
WH40K(Dark Heresy), VtM , Degenesys, Shadowrun und so weiter...

Auch wenn man es jetzt nicht zwangsweise an einem Titel fest machen muss scheint es dennoch ein recht Erfolgreiches Konzept darzustellen.

Aber was macht die Dystopie so interrsant ?
 
AW: Warum Dystopie?

Eine "böse" Welt bietet eine Menge Reibungsflöche, Konflikte usw.

Stell es dir anders herum vor. Welche Abenteuer würdest du in einer ECHTEN Utopie spielen wollen/können? Mir fällt kaum etwas ein. In einer perfekten Welt? Allerhöchstens der Bösewicht sein, aber dann ist es ja schon keine reine Utopie mehr.

Die Dystopie ist das genaue Gegenteil. Wo Böses ist kann man Böses tun, oder sich dagegen wenden. Jede Ungerechtigkeit ist entweder passend zum Setting (wenn die SCs es tun) oder kann gerächt werden (wenn NSCs es machen).
 
AW: Warum Dystopie?

Eine friedliche Welt ohne Konflikte bietet zu wenig Potential. In dieser wären alle Geschichten erzählt.
Eine Dystopie bzw. eine Welt in der ein totalitäres Regime herrscht, bietet einen Spielraum um für etwas zu kämpfen an das man glaubt oder wofür man glaubt, dass es sich zu kämpfen lohnt, seien dies politische Einstellungen, die Menschlickeit an sich, Religionen oder Überzeugungen. Sie bietet unterschiedliche Standpunkte die die Charaktere einnehmen können und somit mehr Optionen.
Eine Utopie wäre rein linear:
Ein Bauernjunge wächst auf, ihm fällt ein magisches Schwert in die Hände, durch das er zu Ruhm, Ehre und später einem Königreich gelangt. Eine Steigerungskurve, ein Klimax. Das wars. Pretty Boring, don't you think?

In einer Dystopie könnte es folgendermaßen aussehen:

Eine Mind-Control-Machinery ist im Besitz der absoluten Macht, einige Aufständische versuchen das Regime zu stürzen.
Die Spielercharaktere könnten auf beiden Seiten arbeiten.
So bietet das eventuell die Möglichkeit die Seiten zu wechseln, ein Aufständischer verrät entweder aus Gesinnungswandel oder niederer Beweggründe die Seiten.
Ein "bekehrtes" Machinery-Mitglied, kann es nicht mehr moralisch vertreten für was er arbeitet bzw. erträgt den Zwang nicht mehr und hilft den Aufständischen.
Das sind jetzt nur zwei klassische Seiten. Es gibt natürlich noch mehrere Spielarten. Je nachdem wie viele Fraktionen es geben soll, welche Auffassungen sie von der Welt haben und inwiefern die Machtverhältnisse geregelt sind.
Es kann genauso gut sein, dass die Aufständischen im Unrecht sind und man als Aufständischer beginnt, nur um später festzustellen dass alles was man als Rebell wusste, grundlegend falsch war.

What man is a man who does not make the world better.

Wobei die grundlegende Perspektive dieses "was macht die Welt zu einem besseren Ort" deine Interpretation sein sollte.
Je grauer die Motive bzw. die Grundintention der jeweiligen Fraktion desto interessanter. Je berechtiger die Kritik an der gegnerischen Fraktion desto intensiver das Erlebnis. Gesetz natürlich den Fall, dass die Spieler das auch checken. ;)

In the absence of light, darkness prevails.

Die Lichter die in der tiefsten Dunkelheit strahlen, strahlen am Hellsten.
Je ungerechter die Welt, desto größer das Heldentum, dass sich dagegen widersetzt. So einfach ist das.
Nur aus der niederen Komödie, entspannt sich die große Tragödie. ;)

Ansonsten befasse dich doch mal mit den klassischen Dystopien:

Brave New World von Huxley
1984 von Orwell

und vergleiche sie mit der klassischen Utopie und frage dich dann:

Was hat mich mehr angemacht?

Filmische gute Dystopie: Equilibrium
 
AW: Warum Dystopie?

Welche Abenteuer würdest du in einer ECHTEN Utopie spielen wollen/können? Mir fällt kaum etwas ein.

Mir fällt da einiges ein, solange die Utopie nicht den ganzen Planeten umspannt. Auf anhieb kommen mir da ein paar Anime und Manga Serien in den Sinn.

Apple Seed wäre da z.b. so ein beispiel. Eine Utopie in mitten einer zerstörten Welt und die "Helden" der beiden Filme kämpfen für den Erhalt und den Schutz dieser Utopie.

Viper's Creed wäre auch nach dem selben Prinzip. Auch wenn die Utopie nicht wirklich eine Utopie ist (Die Stadt wird von Konzernen beherrscht, aber innerhalb der Stadt gibt es kein Leid).

Mir würden noch ein paar mehr einfallen die ich so in den letzten Jahren gesehen habe. Selbst Patlabor wäre wohl noch darunter ein zu ordnen.

Utopie bedeutet ja nicht das es keine Konflikte mehr gibt. Eine Utopie bedeutet ja nur das es den Menschen "besser" geht als heute. Z.b. "Das Recht auf Faulheit" (ich liebe dieses Konzept für Utopien) weil Menschen nur noch dem nach gehen müssen was sie wollen, aber das muss ja nicht zwingend sein.

Trotzdem kann man in einer Utopie Sicherheitskräfte oder etwas derartiges spielen. Verteidiger des Friedens und der Menschen innerhalb der Utopie.

Es reicht ja schon wenn man Elemente einbaut die diese Utopie bedrohen.

Die Lichter die in der tiefsten Dunkelheit strahlen, strahlen am Hellsten.
Je ungerechter die Welt, desto größer das Heldentum, dass sich dagegen widersetzt. So einfach ist das.

Ich würde nicht zwingend von Heldentum (auch wenn ich nicht wüsste wie man es besser bennen könnte) sprechen, sondern einfach von Erfolg. Wenn die ganze Welt um dich herum schlecht ist und einem viele Steine in den Weg gelegt werden, macht es letztendlich umso mehr Spass Erfolg zu haben. Selbst kleine Ziele scheinen dann wichtig zu sein.

Nehmen wir mal oben Apple Seed... dort einen kleinen Drogendealer auszumerzen ist... naja. Es interessiert kaum jemanden. In Dark Hersey, interessiert es zwar auch niemanden und die Welt wird nicht zu einem besseren Ort, trotzdem ist das Gefühl ein anderes. Zumindest ich hätte das Gefühl die Welt wenigstens kurzzeitig zu einem besseren Ort gemacht zu haben, als bei der Utopie, wo es den Menschen so oder so schon gut geht und ich lediglich verhindere das sie mal nen schlechten Tag habe.

Ich meine, selbst wenn ich keine Helden spiele, habe ich als Spieler trotzdem im Hinterkopf etwas gutes Gemacht zu haben. Vielleicht den Leuten dort für einen Tag mal etwas hoffnung gegeben, auch wenn mein Charakter das nicht aus guten Motiven heraus getan hat, weiß ich doch als Spieler das es "richtig" war. Die Belohnung ist einfach größer als in einer Welt in der es kaum noch Sorgen gibt.
 
AW: Warum Dystopie?

Ein Bauernjunge wächst auf, ihm fällt ein magisches Schwert in die Hände, durch das er zu Ruhm, Ehre und später einem Königreich gelangt. Eine Steigerungskurve, ein Klimax. Das wars. Pretty Boring, don't you think?
Ich glaube eher, daß Du die hier BEGONNENE Geschichte nicht mal bis zum Ende des ersten DRITTELS erzählt hast!

Jetzt HAT er ein Königreich. Und was nun? - Was mit den vielen Unzufriedenen anderen ARMEN Bauernjungen in seinem Reich? Was mit den VIELEN Feinden an seinen Grenzen? Was mit den NEIDERN bei Hofe, den Intriganten, den Verschwörern?

Wenn Du schon mit solch einer Geschichte anfängst, dann erzähle besser mehr als den Anfang, denn auch bei Animal Farm begann ja alles mit einer WENDE ZUM GUTEN: Die Tiere befreiten sich von der Knechtschaft der Menschen. Hurra! Eine Steigerungskurv. Ein Klimax. Das war's. Pretty Boring, don't you think?

Was wurde denn aus der UTOPIE der Kommunisten in Rußland? Wie lange hielten sich die "utopischen" Verhältnisse?

Was wurde denn aus der UTOPIE einer islamischen Republik im Iran? Wie lange hielt sich denn die Freude über das Absetzen des bösen Schahs?

Bei einer Dystopie ist ALLES Scheiße. Bei einer Utopie ist ALLES gut. - Beides GIBT es NICHT. Und KANN es auch - glücklicherweise - NICHT geben.

Ein Spiel in egal welchem dieser völlig unplausiblen, unstimmigen, unglaubwürdigen EXTREME halte ich für unspannend.

Depri pur? Nein danke!

Viel interessanter ist der WURM im runden, roten Apfel des Guten. Was nagt unter der Schale? Wieviel Substanz ist noch da? Und was soll werden, wenn der Wurm mal das Übergewicht bekommt?

Spielwelten OHNE Konflikte (oder solch mit "gebremster Konfliktlage" wie Midgard) sind statisch und OHNE ANTRIEB. Da bewegt sich nichts.

Und WARUM MUSS sich denn etwas bewegen?

Um Spieler, die ansonsten NICHT SELBST mit eigenen Zielen für ihre Charaktere ankommen, die NICHT SELBST die Welt ändern wollen, die NOTWENDIGKEIT etwas zu TUN von außen auf die Nase zu drücken.

Stell Dir vor Du darfst nach einer Analyse Deiner genetischen "Ausstattung" bestimmte Berufe nicht mehr ausüben, wirst ausgegrenzt, entrechtet und lebst in einer rigiden Gesellschaft, die Ausgrenzung auf "rein rationaler" Ebene betreibt. Was machst Du?

Stell Dir vor Du kannst aufgrund des unterschiedlichen Magiepotential unterschiedlicher Rassen bestimmte Berufe wie Magier oder Beschwörer nicht ausüben, wirst aufgrund Deiner SC-Rasse in die unterste soziale Schicht eingestuft, die Sklaven, bist entrechtet, gehörst als EIGENTUM einem der großmächtigen Magier, und lebst in einer Gesellschaft, die solch eine Ausgrenzung auf Basis des "Rechts des Stärkeren" akzeptiert. Was machst Du?

Das oben sind KEINE Dystopien, sondern einfach Welten mit Licht UND Schatten. - Und genau DAS ist das Spannungsfeld, das sie SPIELENSWERT macht.
 
AW: Warum Dystopie?

Es gibt eine Welt die wir besser machen können als wir sie vorfinden?

(Fühl dich jetzt nicht angegriffen, ist auch so der Punkt auf dem ich auch immer komme)

ABER:
Is nicht genau das Mary Sue?
Ich meine in "Was ist das am meisten gehasste Charakterkonzept?" Steht das ganz oben auf der Hassliste...
http://www.blutschwerter.de/f91-run...das-am-meisten-gehasste-charakterkonzept.html

Der andere Punkt den ich sehe ist einfach mal der Freibiref in einer Dystopie sich selbst mehr oder minder in den Moralischen Abgründen zu sullen. (?)
 
AW: Warum Dystopie?

Ah, schön zu sehen das Zornhau sich immer noch nicht benehmen kann...

@Madpoet: Die Spielercharaktere sind die Protagonisten, die Helden der Handlung. Wenn die nicht die welt verbessern/retten, wer dann? NSCs? Sorry, ich spiele kein DSA.
 
AW: Warum Dystopie?

Aber was macht die Dystopie so interrsant ?

Dystopien sind einfach. Nichts ist von Belang ("wir sind doch eh alle am Arsch") und nichts hat einen Wert außer das eigene Überleben. Vielleicht noch ein Schuß morbide Faszination und leichtes Schauern wie schlimm alles ist... und fertig.

Man kann halt machen was man will, weil es keine komplizierten Regeln des Zusammenlebens mehr gibt. Man braucht keinen Konsens mehr suchen. Es gilt das Recht des Stärkeren.
 
AW: Warum Dystopie?

Utopie bedeutet ja nicht das es keine Konflikte mehr gibt. Eine Utopie bedeutet ja nur das es den Menschen "besser" geht als heute. Z.b. "Das Recht auf Faulheit" (ich liebe dieses Konzept für Utopien) weil Menschen nur noch dem nach gehen müssen was sie wollen, aber das muss ja nicht zwingend sein.

8o DAnn ist SLA also eine Utopie? Recht auf Faulheit und so...
 
AW: Warum Dystopie?

Eine "böse" Welt bietet eine Menge Reibungsflöche, Konflikte usw.
damit ist alles gesagt.
in der utopie würd ich mich vermutlich aufs wasser legen und nichts tun, oder mit ein paar freunden eine dystopische Rollenspielrunde starten...

Ein Bauernjunge wächst auf, ihm fällt ein magisches Schwert in die Hände, durch das er zu Ruhm, Ehre und später einem Königreich gelangt. Eine Steigerungskurve, ein Klimax. Das wars. Pretty Boring, don't you think?
eine utopie mit schwretern und königen wäre keine utopie. daher kann auch zornhau so gut einsteigen...

andererseits wird mir schändlich bewusst dass ich die bürgerliche utopieliteratur nicht gut genug kenne. daher kann BuG durchaus recht haben dass auch dort konflikte angelegt wären... ich hab das einfach mit einem emphatischeren (evtl. zu emphatischen) Utopiebegriff belegt...
 
AW: Warum Dystopie?

Die Literarische Gattung des Staatsromans beschreibt bietet einige sehr sehr Interressante Beispiele für Dystopien und natürlich auch für Utopien.
Wenn wir Campanella und Moorus nehmen so sind diese Klassiker, auch wenn sie offiziel als Utopien gelten, für viele heute lebende Menschen schreckliche Dystopien. Systeme die es zu bekämpfen gilt.
Utopia ist ein Staat den man sofort als Spielergruppe aufmischen wollen würde, obwohl die Utopier ja alle so Glücklich, Gerecht und Überlegen sind. Autoritäre Sklavenhalter.

Moderne Utopien wie z.B. Weißer Mars sind durch aus interressant. Was würdet ihr machen, wenn ihr mit einem Haufen intelligenter und Sozialverantwortlicher Menschen auf einmal auf dem Mars von der Erde abgeschnitten seit?
Wie wie klärt man einen Mordfall auf und was macht man mit dem Mörder? Ein Gefängnis gibt es ja noch nicht, Polizei/Militär auch nicht.
Wie geht man mit knappen Ressourcen um ? Wie organisiert man sich ?
Rollenspiel muss nicht nur Arschtreten sein, es kann eben auch Intrige und Gestalltung sein.
 
AW: Warum Dystopie?

Wenn Utropien "langweilig" sind, warum ist Star Trek das dann nicht?
Ähm, Star Trek IST seit Next Generation LANGWEILIG. (Ob die dort zumindest für die Föderation vorgezeichnete Gesellschaft eine Utopie ist, wage ich stark zu bezweifeln. Das ist eher wie Raumfahrt gemischt mit THX-1138.)
 
AW: Warum Dystopie?

8o DAnn ist SLA also eine Utopie? Recht auf Faulheit und so...

Ich kenn mich nicht genug mit SLA aus um das zu bejahen oder zu verneinen. Aber eine Utopie bedeutet lediglich das Ideal einer Gesellschaft.

Eine Utopie ist lediglich eine positive zukunfts prognose im vergleich zu der negativen der Dystopie. Solange die Zukunft besser ist als der Status Quo kann man sie durchaus bereits als Utopie ansehen.
 
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