AW: unsere feder, unser schwert!
Kapitel 1: Die Kirche
Er musste kurz das Bewusstsein verloren haben. Er lag am Boden, trockenes Blut klebte an seiner Stirn. Eine schwere Beule drückte darunter. Alles wankte, die ganze Welt.
Noch während er sich erhob, hatte er das Gefühl, als ob ihn an der Schulter etwas zu Boden drückte - wieder wurde ihm schwindelig. Doch es gab nichts, woran er sich festhalten konnte. Er stand auf einem großen Platz, am Fuß einer breiten Treppe. Säulenreihen stützten die alten, erhabenen Häuser. Zu seinen Füßen lag etwas, das ein toter Vogel sein konnte.
Das musste Roma Aeterna sein, der Michaelsplatz! Er versuchte sich zu orientieren, der Sonnenstand, die Ausrichtung des Platzes; doch wie war er hierher gekommen? Und warum? Dann erkannte er Menschen, die in Panik davondrängten. Einige stürzten, andere schrien. Der Schrecken auf ihren Gesichter machte auch ihm angst. Erst jetzt fiel ihm auf: alles, was er hören konnte, war ein gleichmäßiges Pfeifen in seinen Ohren.
Asche, die im Wind wehte, feinste weiße Daunen über den sorgfältig gelegten Steinen des Platzes. Er musste an seine Eltern denken, wie sie jedes Jahr kurz vor seinem Geburtstag ein Huhn schlachteten. Sie drückten das tote Tier in dampfendes Wasser. Dann rupfte Großmutter den kleinen, dürren Körper, den sie zwischen ihren Knien festhielt, als würde er sonst fortfliegen, stopfte die feineren Federn nach und nach in einen Jutesack. Es muß zur Regenzeit gewesen sein. Er konnte sich an eine drückende Schwüle in der Luft erinnern. Das Zucken der Vögel.
Nun war es warm. Nicht wenige Federn waren schwarz und verkohlt. Langsam schritt er die Treppe hinauf, obwohl er bemerkte, dass viele ihm von dort entgegenkamen, doch es kümmerte ihn kaum; zu fremd schien ihm alles in seiner pfeifenden Stille. Oben angekommen, sah er, dass ein Feuer ausgebrochen war. Die Fassade des Gebäudes war halb eingestürzt. Jemand lag, von Trümmern erschlagen, am Boden. Er trug ein weißes, prachtvolles Ornat. Ein weißes Band wehte vorbei, feinste Schriftzeichen waren darauf gezeichnet. Auch er trug ein solches Band; das lose Ende flatterte an seinem Arm. Seine Füße stießen gegen Steine und Trümmer. Er war dem Feuer nun ganz nah, doch merkte er es kaum. Mehr noch: die Flammen erfreuten ihn. Er griff danach, spürte es seine Finger umspielen. Ein hölzernes Podest war hier errichtet gewesen. Nun lag es brennend am Boden. Einige der Bretter und Balken waren meterweit geschleudert worden. Er blickte ein Stück weiter. Ein Knabe mit blondem Haar lag unnatürlich verrenkt unter einem brennenden Balken, sein Gesicht schwarz und verzerrt. Seine schlichte Robe war in Höhe der Brust, aus der ein Holzpflock ragte, blutgetränkt. Der Knabe öffnete die Augen und blickte ihn an.
„Dazriel, trete vor!“
Er prallte zurück. Wie war das möglich? Erschrocken ging er näher auf den Jungen zu; er kam ihm bekannt vor. Nun waren die Augen wieder geschlossen. Doch während er auf den Körper hinunterblickte, aus dem jedes Leben gewichen war, wußte er plötzlich wieder, welcher Tag heute war. Und auch, warum er in Roma Aeterna war.
Der Tag der Engelsweihe des Jahres 2665 war strahlend warm und hell. Nur eine dünne Schicht aus Wolken hing am Himmel. Dazriel erschien es noch großartiger als beim ersten Mal zu sein. Er blickte auf den Platz hinunter, der eng an eng gefüllt war mit Menschen. Er schritt die Treppe nach oben. Die Flugplattformen der Sarieliten schwebten über den Köpfen der Zuschauer. Der himmlische Gesang dieser so unscheinbar wirkenden Engel, war, obwohl leise, in jedem Winkel des Platz klar und deutlich zu vernehmen. Der Gesang drang direkt in die Herzen der Menschen und erfüllten sie nicht nur mit Hoffnung, sondern auch mit Stolz. Vielen Menschen standen die Tränen in den Augen. Andere hatte ihre Hände zum Himmel erhoben und stimmten in den Gesang mit ein, selbst wie in Trance sich befindend. Und auch Dazriel fühlte sich berührt, trotz allem, was er gesehen, trotz allem was er erlebt hatte.
Ab Brindisi erschien. Gemäßigten Schrittes trat er, begleitet von blonden Knaben und Mädchen aus dem Petersdom und begann zu den Menschen zu sprechen. Und was er sagte, war so unglaublich, dass niemand es wirklich glauben wollte; denn mit fester und feierlicher Stimme verkündete er nicht weniger als das Ende des zweiten Kreuzzuges gegen die Traumsaat. Jene Kreaturen des Widersachers, welche die Menschheit über Jahrhunderte heimgesucht hatten, sie waren verschwunden und in die Höllenschlünde zurückgekehrt, aus denen sie gekrochen waren. Überall am Rand des Platzes standen Engel und auch der Himmel war mit Engeln erfüllt. Doch dieses Mal hatte der Herr keine neue Herrscharen geschickt, ihnen wie in all den anderen Jahren an diesem Tag die Weihe zuteil werden zu lassen. Statt dessen verkündete der Ab nach und nach die Namen jener Engel, die sich besonders im Kampf gegen die Traumsaat hervorgetan hatten. Ihnen wurde die Ehre zuteil, vom Pontifex persönlich die Auszeichnung und den Dank der Menschheit entgegenzunehmen.
Und so schritten sie, Engel für Engel, und unter den Augen der Gläubigen und vom Lobgesang ihrer Brüder begleitet nach vorne. Die Michaeliten zuvorderst, denn sie waren es, die ihre Scharen angeführt und das Wort des Herr verkündet hatten. Und dann sie, die Streiter Gabriels, dessen heilige Flamme die vorderste Front bildetete im Kampf gegen den Widersacher. Einige der Engel, die vor ihm standen, kannte er von früher. Im Himmel zu Nürnberg hatten sie ihre Ausbildung gemeinsam erfahren, mit einigen hatte er zusammen den Kampf mit dem Flammenschwert gelernt. Er konnte sich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Die Angst vor dem Feuer zu verlieren, hatte er erst lernen müssen. Jetzt kam es ihm seltsam vor, als könnte er sich daran erinnern, sich zuvor bereits daran verbrannt zu haben...
Schritt für Schritt näherte er sich dem Pontifex auf seiner hölzerner Ballustrade. In einer einfachen Robe stand er da, zwei hohe Würdenträger zu seiner Seite. Die Engel, von der Statur her kräftiger, aber kaum größer und auch nicht älter wirkend, knieten vor ihm nieder, und nur ihre Flügel wirkten groß und gewaltig, dass es wie ein Ausgleich zu der Würde und Weisheit des Pontifex wirkte, der seit über 500 Jahren auf der Erde weilte und die Menschheit im Namen Gottes führte. Auch die Gabrieliten nahmen ihre Votivbänder entgegen; in der alten Sprache standen darauf Segenssprüche geschrieben, in goldenen Lettern. Von den Heiligen überliefert. Direkt vor ihm kniete Baduriel, eine Gabrielitin mit langem blonden Haar, das sie am Hinterkopf zusammengebunden und mit der silbrigen Brandschutzpaste bestrichen zu einem Turm aufgerichtet hatte, der ihr Erscheinungsbild noch größer wirken ließ. Dazriel hatte sie lange beobachtete, ihre muskulöse, aber schmale Gestalt, ihre geschmeidigen Bewegungen; nun da sie so dicht vor ihm stand, glaubte er sie sogar riechen zu können. Ein Duft, der ihm ausgesprochen gut gefiel.
In den Reihen der Zuschauer war es unruhig geworden. Dazriel bemerkte es zuerst kaum. Ein Mann drängte sich durch die engen Reihen. Nun sah er ihn. Er trug einen dunklen Umhang, der sein Gesicht verdeckte. Die Templer am Fuß der Treppe schienen ihn nicht zu bemerken. Dazriels Sinne aber waren geschärft vom Kampf, auch wenn er sich einen Narren schalt, denn was sollte an diesem Jubeltag schon passieren? Auch als ein Tumult ausbrach und vor einen kurzen Moment das Gesicht des Mannes sichtbar wurde, bemerkten die Templer nichts. Dazriel aber stutzte. War das nicht Herder? Ein Mann, der von der Kirche schon seit Jahren wegen seiner frevelhaften Taten gesucht wurde? Der Gabrielit war ihm einmal begegnet, das war drei Jahre her, in der Nähe von Aachen. Seitdem war sein Name immer wieder gefallen und Dazriel hätte sich verfluchen können für den Tag, an dem er den Mann hatte laufen lassen. Er war gefährlich, er führte etwas im Schilde!
Nun hatte er bereits die ersten Reihen der Zuschauer hinter sich gelassen, und trat an die Templer heran; mit zwei, drei schnellen Handbewegungen und Schlägen hatte der alt wirkende Mann sie tatsächlich ausgeschaltet. Schon stand er allein auf der Treppe und deutete auf den Pontifex. Noch immer lobte dieser Baduriel. Dazriel reagierte als erster.
Ein Sprung, die Muskeln angespannt, segelte er auf den Verräter zu, der in diesem Moment irgendetwas aus seinem Mantel zog. Der Flug war nicht weit, der Engel war heran. Dann riss es ihn herum. Und alles wurde schwarz.
Weiter konnte er sich an nichts erinnern. Herder mußte ihn ausgeschaltet haben. Was war passiert? Es war eine Druckwelle gewesen, ein lauter Knall, eine Explosion? Doch sie hatte nicht seine Brust erfasst, sondern ihn von hinten niedergedrückt. Jetzt schaute Dazriel über seine Schultern; seine Flügel waren tatsächlich angesengt und an vielen Stellen geknickt.
Eine Explosion über ihm? Er schaute sich um. Erst jetzt wurde ihm bewußt, dass die brennenden Trümmer das Podium waren, auf dem der Pontifex gestanden hatte. Und da lag er, hingestreckt, mit blutüberströmter Brust...
Schnell räumte Dazriel die Trümmer beiseite! Er warf alles hinunter! Der Pontifex regte sich nicht. Er nahm den Leib des Jungen; wie leicht er war! Er brauchte Hilfe! Einen Raphaeliten! Dazriel schaute sich um und flog dann auf den Eingang des Petersdomes zu. Wie lange mochte die Explosion her sein? Er sah Menschen, die mit schreckstarren Augen in seine Richtung blickten. Er versuchte den Pontifex vor ihren Blicken zu verbergen, doch seine schlichte Robe schien inzwischen fast sämtliches Blut aufgesogen zu haben, das in dem kleinen Körper steckte. Die Haut war weiß und kalt. Dazriel war sich sicher, dass das nicht sein konnte, dass ein Knabe nach 500 Jahren nicht durch eine solch schändliche Tat zu Schaden kommen konnte! Das würde Gott nicht zulassen, das spürte er...
Im Petersdom war es dunkel, still und leer. Als Dazriel mit dem leblosen Pontifex auf den Armen durch das Portal strich, fühlte er sich elend. Ab Brindisi kam auf ihn zu, auch der alte Mann blutete aus einer Wunde an der Stirn, schien ansonsten aber unverletzt.
„Leg ihn hier ab, Engel!“ befahl er ihm, und Dazriel legte den Pontifex vor den Altar. Das Bild zeigte den Sendungstag. Petrus Maximus stand da auf dem großen Platz und über ihm ging ein helles Licht aus dem Himmel heraus, aus dessen Strahlen die Engel erwuchsen. Eine seltsame Ironie... Nun begann der Ab dem Pontifex die Robe auszuziehen. Die Wunde darunter war verhehrend. Nicht nur der Holzpflock, auch die Wucht der Explosion musste schon ausgereicht haben, um...
„Holt sofort den Jungen!“ rief Ab Brindisi.
...war dies ein Zeichen, dass der Krieg endgültig vorüber war? Ließ der Herr deshalb seinen Sohn als Märtyrer sterben? Dazriel stand vor dem Altar und blickte zum Licht hinauf, das durch die hohen Fenster drang. Ihm war schwindelig. Als er an sich hinab blickte, sah er Blut aus seiner Brust dringen. Darunter war eine klaffende Wunde. Mit dem Finger fühlte er etwas hartes, metallisches tief darin. Doch das war unwichtig! Was war, wenn dies nicht in Gottes Plan gehörte? Was würde geschehen, wenn die Traumsaat zurückkehrte und die Menschheit ohne Anführer wäre, ohne die Stimme des Herrn? Würden die Erzengel erscheinen..?
Ab Brindisi beugte sich zu einem Knaben herunter und legte ihm die blutige Robe über die Schulter. „Zieh das an und dann tritt vors Volk!“
Der Junge drehte sich kurz um – Dazriel traute seinen Augen kaum. Der blonde, zierliche Junge glich dem toten, am Boden liegenden bis aufs Haar. Er wirkte ein wenig jünger, aber – wie war das möglich?
In der schmutzigen Robe lief der Junge vor das Tor des Domes. Als er sprach, konnte man seine Stimme überall auf dem Platz vernehmen.
„Engel, wie ist dein Name?“
Dazriel brauchte einen Augenblick, bis er bemerkte, dass er angesprochen war.
„Dazriel, Herr.“
„Du warst bei jenen, die heute ihre Belobigung erhielten?“
„Erhalten sollten, Herr.“
„Oh, es tut mir leid, wenn du nicht ausgezeichnet wurdest. Denn das eben war nicht für deine Augen bestimmt.“
Der Ab machte eine kaum merkliche Geste mit der Hand. Zwei Templer setzten sich in Bewegung und stürmten heran, sie griffen nach dem Engel. Dazriel brauchte noch einen Moment. Es musste ein Traum sein... Dann stieß er einen der beiden Templer mit seinen Flügeln um, erst dann begriff er, was geschah. Er hörte Befehle, die gerufen wurden. Aufgeregte Befehle. Er riss sich los; er hatte die Tür erreicht und versuchte sich sogleich in die Luft zu erheben. Doch irgendetwas stimmte mit seinen Flügeln nicht; er spürte keinen Druck unter seinen Schwingen, er trudelte und stürzte auf den Michaelsplatz.
Dazriel sah sich um. Die beiden Templer folgten ihm! Andere schlossen sich an. Dort oben stand Petrus Secundus in seinem blutüberströmten Gewand und breitete die Arme aus. Die Zuschauer, eben noch voller Angst und Panik, blieben stehen und blickten ebenso hypnotisiert zu dem Jungen auf wie Dazriel. Einige sanken auf die Knie und lobten den Herrn. Es war ein Wunder. Doch nicht für Dazriel!
Feuer brannte auf dem Platz. Menschen und Engel lagen da, bluteten, starben - und ein Dutzend Templer rannte direkt auf ihn zu.
Dazriel sprintete los, versuchte die Templer abzuschlütteln. Doch er fühlte sich kraftlos, die schweren Flügel auf seinen Schultern waren zum Fliegen gedacht und behinderten ihn mit ihrem Gewicht beim Laufen, mehr als dass sie ihm halfen. Er hatte das Gefühl, auf der Stelle zu laufen, obwohl der Umstand, dass er mit den Flügeln schlug, dafür sorgte, dass der Vorsprung zu den Templern konstant blieb. Doch die Menschen beobachteten ihn, und nur an der Angst in ihren Augen erkannte er, dass sie ihn fürchteten. Für sie hatte die Explosion und das Attentat nun ein Gesicht bekommen; und es war das seine!